Autorentexte
IMPLANT - Erde-vertikal-ablaufen


Christoph Tannert


Der Künstler Harald Gnade nimmt uns mit auf eine Expedition. Was er verhandelt, hat mit Welt-, aber auch mit Kunst-Themen zu tun. Er möchte, dass wir im Gehen durch seine Ausstellung verstehen. Verstehen, was das Natürliche ist, was Natur bedeutet und wie wir alle mit der Natur umgehen. Inklusive der Frage, wie wir unsere Eingriffe in die Natur und das Natürliche bewerten. Insofern spielt die Bewertung als auch die Überbewertung naturwissenschaftlicher Errungenschaften eine nicht unwesentliche Rolle, die Idiotien der Heidi-Klumisierung unserer Lebenswelt eingeschlossen.

Wie sagt Heidi? "Zeig uns, dass du es kannst!" Es liegt in der Natur der Sache (und ist ja auch so gewollt), dass das nicht funktioniert. Auch wenn der Zauber, die Utopie der Kunst in nichts anderem als ihrer Irrealität liegt.

Niemand hat bisher die göttliche Weltformel, aus der alles entspringt, gefunden. All unsere angeblichen Weltverbesserungsversuche ziehen nur Tragödien, zumindest soziale Ungleichheit und Ressourcenverbrauch nach sich.

Immerhin kennen wir eine sinnlos ausgerechnete Antwort auf die „Frage aller Fragen“ aus Douglas Adams’ Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“. Sie lautet: 42.

Die häufige Präsenz von ins Bild geschriebenen Formeln bei Harald Gnade, ist einerseits ein Hinweis auf die Photosynthese. Aufgrund der Bedeutung der Photosynthese für das Leben auf der Erde hat sich die Wissenschaft schon sehr früh für die Entstehung und Entwicklung der Photosynthese interessiert. Andererseits sind diese Formel-Verkettungen und -verknäuelungen Hinweiszeichen auf die Nutzlosigkeit des Herumrechnens.

Dabei indoktriniert der Künstler uns nicht. Schlüssige Antworten hat auch er nicht parat. Wichtiger ist es ihm, Fragen zu stellen.

Mit dem Wort „IMPLANT“ nutzt Harald Gnade einen weit zu fassenden Begriff, der das Nachdenken über etwas, was in Natur implantiert, also eingesetzt, hinzugesetzt wurde und damit natürliche Zusammenhänge modifiziert und verändert – egal ob gut gemeint oder schlecht gemacht.

Gerade wieder haben wir gehört, dass im Ecuadorianischen Nationalpark Yasuní von sofort an Erdöl gefördert werden darf. Es gilt wieder einmal Abschied zu nehmen von einem der artenreichsten Naturräume der Erde. Ein Eingriff mit globalen Folgen ist vorprogrammiert. Die gesamte internationale Gemeinschaft hat ein einzigartiges Alternativprojekt zum Schutz des Klimas verspielt. Dabei war dieses Alternativprojekt, das im Jahr 2007 initiiert wurde, ein starkes Symbol für politische Vernunft. Zu betrauern ist dadurch auch das Scheitern der Idee des "Buen Vivir". 2008 hatte Ecuador dieses philosophische Prinzip indigener Völker in die Verfassung übernommen. Es stand für ein "gutes Leben" im Einklang mit der Natur.

Wie wir mit Harald Gnades Bildern zurande kommen, hängt davon ab, wie wir über sie sprechen. Es ist richtig: Denken setze Sprache voraus. Es hängt von der Sprache ab, wie wir denken und was wir denken können. Nichts lässt sich denken, was nicht in sprachliche Form zu gießen ist.

Bilder schauen wir an, unser Anschauen scheint durch diese Bilder geführt. In der immer stärker anwachsenden Flut solcher Bilder scheint unser Denken mehr und mehr durch dieses Anschauen bestimmt.

Lassen wir mal spaßeshalber Ausstellungs- und Bildtitel weg und verlassen uns ganz auf das, was uns die Bilder sagen. Was tut sich auf?

Ein unendlich weiter Bildraum. In ihm aufgehoben – widerstreitende Formationen. Sie können abstrakt oder konkret gelesen werden.

Sagen wir vielleicht: in diesem Open Space begegnen sich Weltliches und Außerweltliches, Natürliches und Künstliches in einer Symbolkonstellation. Wobei: Das hier ist keine Realität. Das ist Kunst. Das florale Prinzip (übersetzt: die Pflanze als zentrales Lebewesen) ist „Platzhalter für das Kreatürliche“ (Gnade).

Sanft pendeln wir zwischen „IMPLANT“ und „Arkadien“, fühlen die Gleichzeitigkeit von Normalität und Anomalie, von Intaktheit und Ausnahmezustand. Die Situationen sind verdichtet bis zur gestrüppartigen Unübersichtlichkeit. Gnades mit Bedacht gestrichelte Pinselspuren weisen in die Unberechenbarkeit, Unübersehbarkeit. Die stillen Reserven der Stabilität im menschlich sentimentalen Blick könnten sich auflösen, das Weiche, der Traum vom irdischen Glück dem Aggressiven zum Opfer fallen.

Die wunderbare Kombination aus spontaner Abstraktionslust und farbmaterieller Erdung löst Sogwirkungen aus, denen man sich nicht entziehen kann.

Harald Gnade weiß: wenn der Künstler nicht ganz im Werk ist, wird es nicht genug sein. Also gibt er alles und noch viel mehr.

Wir nehmen Bilder wahr, die bieten Seelennahrung auf Wochenzeit und gehen tiefer als ein paar Stunden Psychoanalyse oder ein Südseekurs im Tiefseetauchen.

Bild neben Bild wetteifert Kopf an Kopf um die Krone für die packendste Komposition, aus der das Kunstwollen ins Denken des Betrachters hinüber greift.

Die Farbe rinnt. Harald Gnade lässt Alu-Farbe auf Öl-Basis und Acryl auf Wasserbasis verfließen. Mal ist es die Silbersuppe der Gefährlichkeit, mal eine Wahnsinnstropfenspur, die das Kräftegleichgewicht ausbalanciert zwischen den Form-Clustern.

Welch eine furiose Dynamik im Wechsel von kompakt und aufgelockert, laut und leise.

Diese Bilder ziehen uns an, öffnen uns die Augen lehren uns subkutan, die Umwelt, die Natur und die Natur der malerischen Form genauer wahrzunehmen.

Diese Schau, dramaturgisch gut gehängt, ist ein unterschwelliger Aufklärungsprozess. Eine in Farbe gebadete Stimulierung der Sinne, die das Denken animiert während wir mit aufgerissenen Augen im Banne einer sensiblen, sinnlichen, neugierigen Weltzugewandtheit stehen.

Harald Gnades Bilder lehren uns, unsere Welt und unsere Bilder von der Welt aufmerksamer wahrzunehmen.

Gnade gelingt es, die poetische Kraft seiner Bilder so zu dosieren, dass das Maß von Engagement und Desillusionierung, Kampfgeist und Romantik genau ausgependelt wird. Weder sind seine Bilder manipulativ, noch verlieren sich die Komposition in formalen Nebensächlichkeiten.

Den Bildern dieses Künstlers wohnt genau jenes Festigkeitspotential inne, das nötig ist, um einen Personalstil erkennbar zu machen. Ein Gnade sticht heraus aus der Masse der malschleimigen Aufgeregtheiten und ebenso aus dem Minimalismus der reduzierten Ansprüche.

Einen Gnade erkennt man aufgrund seiner typischen Selbstbeschreibungschiffre – diesem Pinselwischer, der am liebsten Ansammlungen, moosiges Gewöll und wattige Nester bildet und zugleich die Transparenz sucht.

Betörende Kürzel-Ballungen verschmelzen mit Momenten der Stille. Man muss sich diese Bilder erarbeiten. Ist dies einmal geschehen, weiß man wieder, warum es so viel Spaß macht, sich mit dem aktivierten Sehsinn einfach in Malerei fallen zu lassen. Diese Farb-Strudel sind wirklich mitreißend.

Es lohnt sich, tiefer in den Malstrom einzutauchen und Gnades Bildwelten zu entdecken.

Dazu möchte ich Sie ermuntern.

Sie benötigen keine Badekappe.



Christoph Tannert, Berlin 1. Juni 2014







Meere


Beatrice E. Stammer


Auf die komplexer werdenden gesellschaftlichen Fragestellungen antwortet die Kunst in immer komplexeren bildnerischen Formen, das macht Werke der zeitgenössischen Kunst vor allem für den flüchtigen Betrachter oft schwerer lesbar. Aber die Kunst kann es ihm, ohne ihren Wahrheitsanspruch aufzugeben, nicht leichter machen. Nur die adäquate differenzierte Form macht Kunst relevant.
Die Geschichte des abstrakten Bildes ist die weitgehende Löschung des Figurativen, Dinglichen und Landschaftlichen, zugunsten einer Entgrenzung: einer grenzenlosen, umfassenden Realität. In diesen Bildern ist kein Anfang oder Ende zu benennen, keine sichtbaren Welten, das Auge konzentriert sich auf einen Zustand der Leere und Dichte. An die Stelle der Informationsfülle tritt eine Bildform, die auf die Kraft des „Einen“ setzt.

Der Berliner Maler Harald Gnade arbeitet vom Gegenstand in die Abstraktion, um uns dieses „Eine“ näher zu bringen, eine Gefühlsverdichtung, die an eine zunehmend verloren gehende Sinnlichkeit anknüpft. Ausgangspunkt seiner Malerei ist, wie verschlüsselt auch immer, der Gegenstand, vor allem der klassische von Figur und Landschaft.

In seinen aktuellen Arbeiten setzt Gnade auf monochromen Hintergründen, mit kleinsten Pinselstrichen, rätselhafte Formgebilde in den Flächenraum, die er von Strichzeichnungen umspielen lässt und deren Gemeinsamkeit die wollig-weiche Oberfläche ist. Eine Akzentuierung des Lichts auf diesen Flächen und Körpern, deren Plastizität fast berstend hervortritt, erzeugt eine starke Stofflichkeit. Mit ihnen sprengt der Maler die Flächen auf und lößt sich damit von seinen früheren Materialbildern.
Das Spannungsverhältnis, ein Thema jeder Malerei, wird hier erreicht durch eine pulsierende Farbigkeit der hervortretenden Formen, die ohne eindeutige Identität sind. Das Ineinandergehen der einzelnen Pinselstriche bei gleichzeitiger Autonomie lässt an einen Fisch- oder Vogelschwarm oder ein von Wind gestreiftes Kornfeld erinnern, ohne das -Eine- nicht das -Ganze-, die Momentaufnahme eines Energiefeldes.

Was ist es, was den Künstler, und was uns – die Betrachter beim Anblick der Bilder bewegt?
Harald Gnade verwandelt seine Wahrnehmung der konkreten, gegenständlichen Wirklichkeit in eine abstrahierende und dennoch nicht gegenstandslose Wirklichkeit. Seine Formfindung lässt eine Malerei entstehen, die sinnlich erfahrbar und atmosphärisch anmutig ist. Der Reiz seiner Arbeiten liegt in ihrer ästhetischen Sinnlichkeit – ja sogar Schönheit und erinnert, wie Nietzsche sagte, an das „Lächeln der Natur“.
Harald Gnade’s philosophische Sichtweise macht ihn zum Mahner wider den Zeitgeist eines ausschließlich naturwissenschaftlichen Zugangs zur Welt. Seine Malerei zeigt uns einen Weg in eine wieder zu entdeckende Ganzheitlichkeit, die unsere hochtechnische Welt verloren hat.


Einführung, Katalog Meere, Berlin 2008







MIMESIS


Dietger Pforte


Bereits beim Eintritt in diese schönen Räume der Villa Oppenheim sind wir überrascht worden von einem dicht gehängten 72-teiligen Tableau von Tuschezeichnungen. Jedes einzelne Bild ist autark und doch wirken die Blätter erst in dieser, einer Russischen Hängung ähnelnden, Reihung so auf uns, dass wir sie als eine große Bildererzählung begreifen können. Harald Gnade hat dieses Tuschetableau in den Jahren 2001/2 komponiert, indem er ein Thema, sein Thema: Den Weg des Gegenstandes vom Körper zum Zeichen, vom
Zeichen zum Körper, immer wieder variiert. ...besuche mich zeit... nennt Gnade diese großartige Arbeit. Und dann sind wir in den breiten und langen Flur eingetreten und sind erneut überrascht worden: von 13 – im Gegensatz zu den Tableau-Bildern – äußerst großformatigen Zeichnungen. Die Harald Gnade unter dem Titel Kosmos vereint hat. Zwei weitere Blätter dieser Serie, die in diesem Jahr entstanden ist, sehen wir hier im Eröffnungsraum der Ausstellung. Die 15 Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass der Künstler schwarze Tusche flächig auf das Papier setzt und mit diesen Flächen schwarze Tuschezeichnungen korrespondieren lässt. Eine wundersame Spannung entsteht dadurch auf jedem Blatt, wobei immer wieder die weißen unbezeichneten Flächen die Spannung zwischen den bezeichneten Flächen unterstreichen.
Und nun sehen wir in den beiden großen Ausstellungsräumen der Villa Oppenheim wenige kleinformatige und viele großformatige Gemälde, die Harald Gnade durchweg in den beiden letzten Jahren geschaffen hat. Auf monochromen Hintergründen – gern ockerfarben oder dunkelbraun und schwarzblau – setzt Gnade mit ganz kleinen Pinselstrichen seltsam geformte Gebilde in den Flächenraum und lässt gelegentlich auch diese Flächenhaften Gebilde von Strichzeichnungen umspielen wie wir es bereits bei den großformatigen Tuschezeichnungen Kosmos beobachten konnten. Elf dieser großformatigen Gemälde verbindet der Titel Metamorphosis, zwei kleinformatige Gemälde in zum Park gelegenen Ausstellungsraum tragen den Titel Naturentfernung. Auch und gerade in den Gemälden werden immer wieder Spannungsverhältnisse geschaffen durch die auf den ersten Blick anmutenden pointillistisch anmutenden großen und kleinen Körper. Denn ungemischte kleine Farbstriche setzt Gnade so dicht nebeneinander, dass sie jeweils eine geschlossene Fläche, eine Figur oder Form im Raum bilden, das Raffinierte ist, dass Gnade durch die unterschiedlichen Farbkombinationen, beispielsweise weiße Striche auf fast schwarzer Fläche, blaue auf dunkelbrauner, dunkelgrüne auf hellbrauner, rötliche auf brauner, die Spannungsbögen auf seinen Bildern emotionalisiert.
Aber was ist es nun, was Harald Gnade bewegt, und was uns – die Betrachter- beim Anblick der Bilder bewegt? Ich denke der Titel unserer Ausstellung Mimesis und der Zyklustitel Metamorphosis können uns zu einer Antwort kommen lassen. Mimesis haben Plato uns Aristoteles die nachahmende Darstellung der natur in der Kunst genannt, wobei freilich die einzelnen Dinge der Natur bereits als Nachahmungen verstanden wurden: als Nachahmung der Ideen. Der künstlerische Ausdruck wurde also als Nachahmung der Nachahmung der Ideen begriffen. Diese Auffassung hat eine lange Traditionsgeschichte bis – wie wir sehen – in unsere Tage. Ich will jetzt nicht auf das Mimesis-Verständnis im französischen Klassizismus oder in der Zeit der deutschen Aufklärung und Klassik eingehen, sondern lediglich auf Erich Auerbachs Mimesis-Verständnis hinwiesen. Er verstand Mimesis in der eingeschränkten Bedeutung einer Interpretation der Wirklichkeit in literarischen Darstellungen.
Interpretiert Harald Gnade in und mit seinen Bildkünstlerischen Darstellungen Wirklichkeit, unsere Wirklichkeit? Ja, denn er verbindet die Mimesis mit der Metamorphose, unter der man in der griechischen Mythologie die Verwandlung von Menschen in Tiere oder Pflanzen verstanden hat. Harald Gnade verwandelt seine Wahrnehmung der konkreten, der gegenständlichen Wirklichkeit in eine abstrahierende und dennoch nicht gegenstandslose Wirklichkeit. Er verwandelt Spannungen, die er mit all seinen Sinnen erfährt, erlebt in eine Zeichensprache, deren Code sich uns – den Betrachtern – erschließt, weil wir unsere eigenen Erfahrungen von Spannungen in den Bildern von Harald Gnade wieder finden. Ja, es ist.
Der Weg vom Körper zum Zeichen, vom Zeichen zum Körper, einem abstrakten Körper. „Naturentfernung können wir in der Tat diesen Prozess nennen.

Harald Gnade ist ein bildender Künstler, der seine Erfahrungen verwandelt in Bilder, die zu sprechen vermögen. Er ist ein erzählender Maler und Zeichner. Hören wir ihm also zu, indem wir seine Bilder betrachten!


Einführung zur Eröffnung der Ausstellung Mimesis, Malereien und Zeichnungen,
Villa Oppenheim, Galerie für Gegenwartskunst, Berlin, August 2007







DIE STILLE DER BILDER


Ursula Prinz


Figur und Landschaft sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Thematik von Harald Gnade entfaltet, die klassischen Sujets der Malerei. Aber er gewinnt ihnen völlig eigene, verschlüsselte Bilder ab, denn es handelt sich um keine real existierenden Landschaften und Figuren, sondern eher um Vorstellungen von Figuren und Träume von Landschaften, keine äußeren Abbilder, sondern Innenschauen, so als ob man von außen in sein Inneres hineinblickt und hier die Außenwelt, reflektiert, wieder findet. Es sind ruhige, stille Bilder, die man meditativ erfasst und in die man sich hineinversenken kann. Eine gewisse Nachdenklichkeit, ja Melancholie ist ihnen zueigen. Und obwohl die Realität, die Natur, immer Ausgangspunkt für die Arbeiten ist, sind sie doch nahezu abstrakte Stimmungsbilder. Meist dominiert ein Farbton oder zwei, ein Rot, ein Grün, ein Blau oder auch Weiß und bestimmt das Ganze, sowohl Großformate, als auch aus vielen kleineren Teilen zusammengesetzte Tableaus.

In jüngerer Zeit verwendet der Maler Steinmehl, das er den Farbpigmenten beimengt, wodurch eine größere haptische Qualität, bis hin zum Relief, erreicht wird. Das Bild wird zu einem teppichartigen Gewebe. Immer scheint wenigstens eine untere Schicht unter der Oberfläche hervor, wenn es nicht gar mehrere übermalte und übergossene Untergründe sind. Denn das Bild entsteht auf dem Boden in einer sehr flüssigen malerischen Prozedur. Es verrät zumindest an den Rändern seinen Schöpfungsprozess und ist Spiegel des Gehirns und der sich fortwährend wandelnden inneren Vorstellungskraft seines Erzeugers, Palimpsest verflossener und vorübergehender Gedanken und Formvorstellungen. Es entsteht wahrhaft parallel zu Leben und Denken seines Schöpfers. Allerdings handelt es sich dabei weniger um Unbewusstes, denn bei aller scheinbaren Spontaneität, sind die Arbeiten letztlich sehr bewusst komponiert und gestaltet, was aber nicht bedeutet, dass ein Bild im Lauf seiner Entstehung nicht die Richtung wechseln, oben und unten ausgetauscht werden kann.
Reziproke Bezüge sind ein Merkmal der Serien, die sich um Objekte, beispielsweise um Köpfe, die aber nur als runde Formen zu erkennen sind, bewegen. Humanitäres Gedankengut findet immer wieder Eingang in die geistigen Ursprünge der Bilder, die Zeugen einer - vermeintlich - versinkenden Welt des ererbten Kulturgutes unserer Vorfahren sind. Wie ein Greifen nach sich entziehenden Wesen wirken oftmals die fragmentarischen Zeichen unter der lasierenden Malschicht. Das Fragment selbst - gerade- zu Synonym für einen Großteil der Kunst des historisch, gesellschaftlich und kulturell so zerrissenen zwanzigsten Jahrhunderts - wird zum Protagonisten einer Malerei, die verschleiert, zudeckt und mit Ornament überzieht.
Man kann sie auch als eine Schutzschicht interpretieren, die Entschwindendes bewahrt, als eine Decke, die Fragiles unter sich verbirgt, als Haut über einem lebendigen Organismus ebenso wie als Kleid, das den darunter versteckten Körper schmückt und verhüllt. Die Kostbarkeit dieser Haut/Hülle speist sich zugleich aus dem von ihr Verborgenen. Erinnerung ist das Zauberwort, das diese Malerei zu entschlüsseln vermag, Erinnerung als Bewahren von Vergangenem und Erinnerung als Denkmal für die Zukünftigen. Die Gegenwart ist nur im Augenblick des künstlerischen Prozesses da. Im Fluss der Farbe schwindet sie dahin.
Gnade ist ein Meister der kleinen Form, der Zeichnung. Blüten, Früchte, Kapseln – auch sie sind nur andeutungsweise zu erkennen. Wie vom Herbstwind verweht, finden sie sich in einer imaginären Umgebung, einem imaginären Raum, der Landschaft, Hülle, Nebel, Wüste, Niemandsland sein kann. Die Kostbarkeit der Dinge wird erst durch ihre Isolierung und ihr drohendes Verschwinden zur schmerzlichen Gewissheit. Denn etwas Trauerndes geht von vielen dieser Arbeiten aus, als seien sie die letzten Zeugen vergangener Schönheit. Eine Geste nur bleibt von der einstigen Pracht sinnlicher Gegenwart, entkörperlicht und sublimiert in der Farbe.

Gegenstand und Anlass des Bildes ist zuallererst die Farbe. Darin lässt sich eine Verbindung zur klassisch tachistischen, bzw. informellen Malerei des 20. Jahrhunderts erkennen, die allerdings von der Abstraktion ausging und nicht vom Gegenstand, dem Gnade letztlich immer verbunden bleibt. Auch in diesem Zusammenhang kommt in Gnades Bildern der Zeichnung eine ganz wesentliche Bedeutung zu. Sie gibt der Komposition die Struktur, sie kündet – verschlüsselt genug – von Inhalt und Sinn.

Nichts liegt Harald Gnade ferner als l´art pour l´art. Sein Thema ist die Natur, das Leben, der Tod. Auch religiösen, bzw. sakralen Themen nähert er sich vorsichtig. Nichts ist wirklich zu erkennen; aber wenn man in aller Stille, die für diese Bilder notwendig ist und die sie geradezu herausfordern, auf sie eingeht, sich in sie hinein versenkt, dann fangen sie an zu sprechen, dann bewegen sie sich, bewegen etwas im Betrachter. Der Betrachter muss erst lernen, den Vorhang zu heben, durch ihn hindurch zu sehen, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Mikrokosmos und Makrokosmos wechseln einander ab. Manchmal handelt es sich um kleine Ausschnitte aus großen Körpern, manchmal auch um winzige Details aus einem großen Zusammenhang. Der Mensch ist die Projektionsfläche für die Kunst von Harald Gnade. Ihn versucht er in all seinen Dimensionen zu erfassen, auch in den geistig mythischen. Er eröffnet der menschlichen Figur den Weg in die Transzendenz.

So ist denn das menschliche Individuum auch niemals als solches dargestellt, sondern wird genau so behandelt wie die Blätter, Steine, Bäume, die man in manchen seiner Bilder zu erkennen meint. Und wenn der Bildgegenstand auch der Körper ist, so ist er es doch fast nur als dessen Ahnung oder Aura und nicht als massiver Gegenstand oder – in der Zeichnung - als fließende und sich auflösende Linie, die genauso gut eine Blüte umschreiben könnte. Das Fließende, sich ständig Wandelnde ist denn auch das eigentliche Element dieses Künstlers, dessen Entwicklung sich als ein einziges Kontinuum darstellt. Die Farbe fließt genauso selbstverständlich in das Bildgeschehen ein, wie sie auch wieder durch ein winterliches Weiß fast ganz verdeckt wird. Es kann sehr frostig sein in diesen Seelenlandschaften, wüstenhaft leer und doch bewegt, es kann keimen und lodern und dann gleich wieder zu Asche zerfallen.

Die subtile Ästhetik von Harald Gnade entzieht sich einer Einordnung in kunsthistorische Schubladen. Schon gar nicht passt er in die heute praktizierten „Richtungen“ seiner jüngeren Kollegen hinein. Er schöpft auch aus anderen Quellen als diese. Als vielseitig gebildeter Künstler verfügt er über große Erfahrungen auch in der Kunstgeschichte, die ihm auf seinem Wege halfen. Letztlich benutzt er die Kenntnis des Vergangenen und findet zu einer Konstellation von Malerei und Zeichnung, die eine Summe zieht und dennoch das ganz Eigene schafft, sich öffnet und immer wieder auch versperrt. Das bewahrt ihn vor Stagnation, fordert immer wieder heraus und hält die Arbeit lebendig. Die Durchdringung von Geist und Materie ist das große Ziel. Nur so kann der Mensch Transzendenz erfahren und darum geht es Harald Gnade. Er will hinter die Dinge schauen und durch sie hindurch. Er malt auch um der geistig, seelischen Erkenntnis willen, die sich für den Maler nur im Körper, und sei es der Farbkörper, offenbaren kann.


Ursula Prinz, Berlin, Katalog Mimesis 2006







Sich vergewissern gegen die Sinnlosigkeit - Bemerkungen zum Altarbild Mneme


Christhard-Georg Neubert


Wer jemals mit Muße die Säle der Gemäldegalerie am Kulturforum in Berlin betreten hat, wird das Haus nicht ohne das Gefühl der Begeisterung und Überwältigung angesichts der hohen Kunst der so genannten Alten Meister verlassen. Die hier versammelte schier un-glaubliche Meisterschaft früher europäischer Malerei, wie sie sich zeigt in den Altarbildern eines Hugo van der Goes, Jan van Eyck, Albrecht Altdorfer, Fra Filippo Lippi oder Sandro Botticelli und vielen anderen, lässt niemanden unbeeindruckt zurück. Und doch meldet sich die Frage, ob uns unsere angenommene Begeisterung nicht davor schützt, „die Tür zu öffnen und in jenen Raum einzutreten, der weit mehr von uns verlangt als Begeisterung? Würden wir nicht die Gemäldegalerie tief beschämt verlassen, wenn wir die Tragweite des zunehmenden Verlustes von jenem Geist wahrhaft verstünden, der dort in unzähligen Bildern aus vergangenen Jahrhunderten zu uns hinüberleuchtet wie ein fernes Licht.“ (1)

Die große neunteilige Arbeit von Harald Gnade unter dem bezeichnenden Titel Mneme will mir erscheinen wie ein Reflex auf diese Erfahrung. Ein helles, leuchtendes Blau tritt dem Betrachter entgegen, wenn er den Raum der St. Matthäus Kirche betritt. Dieses Blau über dem Altar empfängt uns wie der Vorhof zu einem Raum, von dem wir wissen, den wir aber nicht zu schauen vermögen. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Gemäldegalerie sind die Beziehungskräfte für jeden spürbar, der sich zwischen Kirche und Museum hin und her bewegt. Während das benachbarte Museum zur Repräsentantin einer mehr oder weniger gelungenen Säkularisierung religiöser Kunst geworden ist, zeigt sich in der Kirche ein großes blaues Bild, dessen farbliche und stoffliche Differenzierungen erst nach und nach hervortreten. Zunächst ist es nur die Tatsache, dass dieses Bild über dem Altar präsentiert wird, welche uns eine Brücke baut. Denn hier, an dem zentralen Ereignisort der Kirche bündeln sich im Blau des Bildes jene Kräfte, die unsere Sinne vollkommen in Anspruch nehmen. Hineinversetzt in den zentralen religiösen Gebrauchszusammenhang stellt sich das Bild der Befragung des Betrachters ebenso wie es die uns unmittelbar angehenden Fragen nach Urgrund und Quelle unseres Daseins bereithält.

Die Farbe "Blau" als Grundton der Arbeit ist so voller das Erinnern beflügelnder Bezüge. Da finden sich unversehens Matisse und Maria nebeneinander, der blaue gestirnte Himmel über uns und der geöffnete Himmel über den Hirten in der Heiligen Nacht.
Der Titel des Bildes gibt eine Richtung an ohne das Rätselhafte des Bildes in seinem Aufbau und seiner Formensprache aufzulösen. Das aus dem Griechischen stammende Wort Mneme meint eine Erinnerung, die man selber oder ein anderer hat an etwas; Erinnerung an eine wesentliche Erfahrung oder Begebenheit, die man sich unbedingt im Gedächtnis aufbewahren will. Auch das Gedenken, Erinnern im Gebet wird mit Hilfe des Wortes Mneme ausgedrückt. Unter dem Matisse-Blau von Harald Gnades Bild kommt das Erinnern als ein das menschliche Dasein zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konstituierender Akt in den Sinn. Über dem Altar einer christlichen Kirche verweist es ganz unausweichlich auf das Grunddatum eines bestimmten nie versiegenden Erinnerns: Vom letzten Mahl Jesu mit den Seinen im Garten Gethsemane am Abend vor jenem ersten Karfreitag ist überliefert, wie er seine das Mahl einsetzenden Worte beschließt mit dem Hinweis „... solches tut zu meinem Gedächtnis“. Seitdem beinhaltet jede Communio am Tisch des Herrn das Erinnern an das Mysterium salutis. Dass die Jünger im Garten Gethsemane schlafen, während er mit der Verzweiflung zum Tode ringt, wird zum Grunddatum eines Skandals und wendet das Ganze ins Politische. Der beliebte Satz, "Wer schläft, der sündigt nicht", ist seitdem ein einfältiger Satz. Das Stundengebet, dass die christlichen Bruder-/ Schwestern-schaften bis heute pflegen, hat gerade darin seinen Sinn: den Kairos nicht zu verpassen; also den Zeitpunkt, zu dem man selber gefragt ist: einzustehen, bereit zu sein, Hand anzulegen, dem Rad in die Speichen zu greifen, vielleicht bereit auch für den Tod und das Danach. "Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet!" sagt Jesus einmal ganz direkt (Mt. 26,41).

Erinnerung gilt, das haben wir von den Juden gelernt, als das Geheimnis der Versöhnung. Eine ganze Gedenkstättenkultur basiert auf dieser Einsicht. Das Heilige Mahl am Tisch des Herrn verkörpert geradezu die Versöhnung Gottes mit den Menschen. Der Maler Harald Gnade bleibt auch im Blick auf diese Konkretion zurückhaltend, doch verweist eine im Zentrum des Bildes liegende stoffliche Form auf ein Geschehen, das dem Erinnern sich öffnet. Dem Betrachter bleibt überlassen, ob er vor diesem Bild über dem Altar so weit gehen möchte. Die Tür bleibt angelehnt. Das Gewissheit heischende Hoffen auf Versöhnung in den Zerrissenheiten und Abgründen des Daseins dieser unerlösten Welt leuchtet aber doch auf als jener widersinnige Grund, dessentwegen sich Menschen um das Heilige Mahl versammeln - rund um den Erdkreis, Sonntag für Sonntag. Dabei lassen sie sich gerade erinnern an das Zeichen, das Gott in Tod und Auferstehung Jesu Christi gesetzt hat.
Aber auch dies leuchtet in Harald Gnades Altarbild auf - und keineswegs am Rande: das Erinnern Gottes. Es gehört zu den weit verbreiteten Irrtümern, die Gegenwart Gottes hinge davon ab, ob sich jemand seiner und seiner Zuwendung zu uns Menschen erinnerte. Nach allem, was die Heiligen Schrift bezeugt, ist es ja so, dass er sich erinnert und erinnern lässt an das Geschick des Menschengeschlechtes. "Der Herr gedenkt meiner Fesseln ..."
(Kol,. 4,18). Gerade von dieser Erfahrung ist die Bibel voll. Eine Offenbarung: ER gedenkt, ER erinnert, ER hat gedacht und wird sich erinnern lassen; "der Hüter Israels schläft und schlummert nicht (Psalm 121, 4). Das ist ein großer Trost! Harald Gnades Altarbild Mneme ist dazu angetan, in seinen inneren Landschaften die Sinndimension gegen den Verlust der Transzendenz zurückzuholen – ein Stück.


Christhard-Georg Neubert, Berlin, Katalog Mimesis 2006


1. Eugen Blume in seinem Vortrag zum Aschermittwoch der Künstler 2006 in der Gemäldegalerie am Kulturforum, Berlin







Den Impulsen des Lebens folgen


Beatrice E. Stammer


Es sind wohl im Wesentlichen zwei Haltungen, die eine Beziehung zwischen der westlichen Kunst und dem Diskurs über Kunst bestimmen: die philosophische und die theologische. Beiden gemeinsam ist vielleicht die Hinwendung zu einer Transzendenz, den Bereichen des Denkens, die über die sinnliche Erfahrung mit dem Gegenständlichen hinausgehen; wobei sich die Philosophie auf das Diesseits beschränkt, wohingegen die Religion/en eher dem ‚Jenseits’ verhaftet sind. Zeitlichkeit und Transzendenz spielen in der europäischen Philosophie eine maßgebliche Rolle. Das Aneignen von Welt- und Selbstverständnis wird gleichermaßen durch ein Zeitmoment bestimmt - nach Heidegger lässt „...der Augenblick vernünftiger Einsicht und Besinnung allererst ‚Zeit werden’“. Die Zeit stellt „...den transzendentalen Horizont der Seinsfrage“ (1) dar.

Eine zur Abstraktion neigende Kunst eignet sich wie keine andere Kunstform den transzendentalen Ansatz als ein stilbildendes Prinzip an. Im Ringen um eine Gegenstandsdarstellung, symbolisiert als ‚Welt’ und einer Abstraktion als ‚Freiheit von Welt’ waren Künstlerinnen und Künstler seit der Klassischen Moderne auf der Suche nach dem Verhaftet sein hier und der Entgrenzung dort. In dieser Tradition von Gegenstandsbezug und Bildautonomie steht auch der Berliner Maler Harald Gnade.
Das Werk von Harald Gnade ist dem Thema der Transzendenz in doppelter Weise verbunden: Über das Energiepotenzial Farbe sowie die Reduzierung des Bildgeschehens als Abstraktion. So entstehen Bilder von intensiver Stille, mediterran in turbulenter Leere schillernd. Der sukzessive Farbauftrag einer monochromen oder zweifarbig gehaltenen Tonalität, deren Überlagerungen erst an den Rändern sichtbar werden, entfaltet Körperlichkeit und Volumen, mit vielfältigen Konnotationen von Haut, Stofflichkeit und Raumbezügen.

Die mehrfach überlagerten Malschichten erzielt der Maler in einer Gieß- oder Schütttechnik: Im Auftragen pastoser Farbmassen entstehen reliefartige, in ihrer Bewegung erstarrte Schichten; als flüssige Substanzen gegossen, formen sie sich wie gewebeartige Durchlässe, die die darunter liegenden Malschichten freigeben. Dieser spontane und „von großer Emotion gesteuerte“ (H.G.) Farbauftrag stellt jedoch keine rein impulsive Geste des aktionalen Aspektes seiner Malerei dar, sondern - ähnlich wie etwa bei Jackson Pollock, Gotthard Graubner oder Fred Thieler, der Farbe auf die liegende Bildfläche gegossen hat und im Dialog mit der Farbe regelrecht ‚scharf’ zu gießen lernte (2) - ein Konzept des Kultivierens von Spontaneität.

Dem pulsierenden Zeitgeist und den immer komplexer werdenden Fragestellungen stellt der Maler das Unzeitgemäße in Form einer sehr ,stofflichen’ Malerei entgegen, die dem farblichen Erleben Raum gibt. Harald Gnade’s gute Kenntnis der Kunstgeschichte und Geisteswissenschaften macht ihn zum Mahner wider den Zeitgeist eines ausschließlich naturwissenschaftlichen Zugangs zur Welt. Dieses sinnliche Einlassen entspricht einem Schönheitsanspruch, der seinen Platz im Denken des Künstler hat und sich in Anspielungen auf die Antike zeigt, gleichzeitig unterstreicht der Maler dezidiert die handwerkliche Machart seiner Werke. Ist Harald Gnade’s Malerei auch von Zeichnung durchdrungen, steht sie jedoch auch immer der Malerei gegenüber, oft sogar im Dialog. In ... besuche mich zeit ... 2001/2002, sowohl Ausstellungstitel als auch Titel eines 72 - teiligen Tuschetableaus setzt der Künstler freie Formen in einen imaginären Raum, die sich schwerelos in filigraner oder geballter Körperlichkeit zu einer rhythmischen Erzählung verdichten. Ihr Wesen scheint in der Abfolge zunehmend Materie an den Raum zu verlieren, wie um nach vielfältiger Manifestation von Form, Klang und Gestalt sich ganz der Stille und Leichtigkeit in einer poetischen Landschaft hinzugeben. Hier sind die Wurzeln des Malers als ehemals praktizierender Musiker erkennbar.

In Anatomien, 2001, bestehend aus acht Blättern, wird mit Hilfe der Collage ein skripturaler Gegenstand ins Bild gerückt, um ihn gleichsam fragmentarisch zu überdecken. Im Akt der Überleimung scheint sich ein gemeinsames Drittes bilden zu wollen, eine gleichzeitige An – und Abwesenheit des darunter Vorscheinenden. Dieser fein akzentuierte Schwebezustand deutet etwas Unvollendetes an, ein Spiel der Interpretationen, das Leere, Luft, Gedanken freisetzt, ein Dahingleiten, nach Roland Barthes „... an den Rand (zu) jener geheimnisvollen Dysgraphie, die seine (Cy Twombly) ganze Kunst ausmacht.“ (3) Während Cy Twombly gleich einer Energie erzeugenden Kompression die Symbole heiß laufen lässt, auf der Suche nach einer Bedeutung hinter den Andeutungen, laden Gnades parallele Wellenlinien, Kritzeleien und skripturale Zeichenfragmente zur Tiefenerkundung des Gegenstandes ein, um sein inneres Wesen hervorzubringen. Heute gelangt die Zeichnung zu immer größerer Eigenständigkeit im Werk des Künstlers, sie löst sich zunehmend aus dem Malerischen und sucht im minimalen Einsatz eine neue Behauptung. In den Vier Bildern über Pontormos Fresken, 2000 steht Zeichnung in Form von Linie oder Konstruktion gleichsam für Transzendenz oder Übergang im Passionsweg Christi.

Nach der analytischen Malerei der 70er Jahre, parallel zur Minimal Art, waren die MalerInnen der 80er Jahre weniger intellektuell verhaftet, die ‚Radikale Malerei’ bezog ein sinnliches Empfinden mit ein, wenngleich die KünstlerInnen sie als Untersuchungsfeld in Anspruch nahmen. Dort, wo sich die Bilder von darstellenden Anlässen befreiten, wurden sie auf Wesentliches reduziert. Die Kunstkritikerin Amine Haase sah Parallelen mit gesellschaftlichen Phänomenen dieser Zeit als einer „Gegenposition zu dem Massen-Prinzip der Zerstreuung, die dem Einzelnen ... wieder eine Chance der Selbstbesinnung bietet.“ (4)

Heute weist ein breiter pluralistischer Fächer malerischer Möglichkeiten über die aktuellen Zeitgeist-Strömungen eines ‚neuen’ Realismus hinaus und die klassischen Kriterien von Stringenz und Kohärenz greifen lange schon zu kurz, wie große Themenausstellungen der letzten Jahre zu Malerei zeigen (Leipzig, Basel, Paris 2002). Ob Malerei der Wahrnehmungsskepsis oder der medienkritischen Analyse dient, ob ein wiederholter An- oder Abgesang proklamiert wird, trotz allem entstehen Bilder, die sich an der Zeit reiben, die insbesondere den Anspruch erheben, Weltgeschehen einzufangen.

Insofern finden die Arbeiten von Harald Gnade in dem Kirchenraum der Berliner St. Matthäus Kirche sinnstiftenden Platz, - der sakrale Raum wird heute eher als energiegeladener Raum zum Suchen und Fragen, denn als ein Ort der Antworten begriffen (Friedhelm Mennekes), - da sie Stimmungen hervorrufen von äußerster Intensität, das Irdene und das Kosmische eingeschlossen, die das Immaterielle fühlbar werden lassen. Wie jede/r KünstlerIn durch den Filter seiner/ihrer malerischen Sehweisen relevante Entscheidungen bekundet, sich Wirklichkeit anzueignen und das Zeitbestimmende herausfiltert, sieht Harald Gnade die Herausforderung in der Reduktion auf ihr ursprüngliches Wesen, der Wirklichkeit größte Wahrhaftigkeit abzutrotzen.

Die US-amerikanische Malerin Agnes Martin, die ein Werk ohne Gegenstände als reine ‚Lichtheit’ im Verschmelzen und Auflösen der Form geschaffen hat, benannte es radikal: „Wirklichkeit, die Wahrheit über das Leben und das Geheimnis der Schönheit sind dasselbe.“(5)

Diese geistige Freiheit gilt es zu verteidigen.


Beatrice E. Stammer, Berlin 2006


1. Thomas Rentsch (Hsg.), Martin Heidegger, Sein und Zeit, Berlin 2001, S. 211, S. 269
2. Hartmut Ackermeier, Rede zur Eröffnung der Ausstellung: Fred Thieler, Retrospektive - Dialog mit Farbe, Galerie Nothelfer, Berlin 2004
3. Roland Barthes, Cy Twombly, Berlin 1983, S. 32
4. Amine Haase, Die Farbe denkt, in: Amine Haase (Hsg.), Kunstforum International, Band 88, Köln 1987, S. 86
5. Dieter Schwarz (Hsg.), Agnes Martin, Schriften, Kunstmuseum Winterthur 1992, S. 101







Neue Bilder


Ursula Prinz


Harald Gnade begegnete ich zum ersten Mal, als die Berlinische Galerie noch in der Jebenstrasse am Bahnhof Zoo untergebracht war, wo nun Helmut Newton seinen Einzug halten wird. Zunächst trat der Enkel des Malers Curt Ehrhardt in meinen Gesichtskreis, von dem wir dann auch ein Bild für die Sammlung erwarben. Zumindest kann ich mich daran am besten erinnern und schließlich ist das Ganze nun zwanzig Jahre her.

Selbstverständlich haben wir uns in dieser Zeit gewandelt, äußerlich wie innerlich, aber doch nicht so sehr, dass nicht doch Grundzüge - im Falle Harald Gnades - der künstlerischen Persönlichkeit erhalten geblieben wären, eine gewisse Nachdenklich-keit, die Neigung zur Philosophie und der Hang zur Farbe zum Beispiel. Konsequenz und Beharrlichkeit sind ebenfalls vorhanden, denn die Kunst hat keinen revolutionären Wandel erfahren: Noch immer gehört die Zeichnung zu den Grundlagen seiner Arbeit, wenn auch der Farbe eine ebenso große Bedeutung zukommt. Immer noch wirken die Bilder abstrakt, obwohl fast immer eine Figur oder ein Objekt das Geschehen mitbestimmt. Aber die Farbe wird anders eingesetzt. Nicht mehr die Vielfarbigkeit bestimmt den Eindruck, sondern die Dominanz eines Tones, Rot, Grün, Blau, und viel Weiß, Grau, Erdfarbenes. Es gibt Einzelformate und auch Tableaus, die sich aus mehreren Formaten zusammensetzen und natürlich auch Serien, die in unterschiedlicher Reihenfolge komponiert werden können.

In dieser Ausstellung sehen Sie Werke aus der jüngeren Schaffenszeit des Künstlers, der nach wie vor gerne mit Materialien experimentiert. Hier sind es Steinmehle, die der Künstler den Farbpigmenten beimengt. Die auf der Staffelei vorbereitete und bemalte Leinwand wird schließlich auf den Boden gelegt und dort mit diesen Materialien in der Acryltechnik weiterbehandelt und bewegt, so dass eine ganz besondere Oberflächenstruktur entsteht, die dem Bild eine haptische Qualität verleiht. Das Bild wird zu einem teppichartigen Gewebe, das seine handwerkliche Entstehung durchaus offenbart. Der Entstehungsprozess bleibt ablesbar, weil fast niemals das ganze Geviert gleichmäßig bearbeitet wird, sondern der Untergrund bereichsweise hervorschaut, oder besser die darunter liegende Haut unter dem Gewand der Malerei sichtbar wird. Die Bilder sind gleichsam Zeugen von Geschehenem. Sie sind Spiegel ihres Schöpfungsprozesses, Spiegel des Gehirns und der sich fortwährend wandelnden inneren Vorstellungskraft ihres Erzeugers, Palimpseste verflossener Gedanken und Formvorstellungen. Sie sind wahrhaft parallel zum Leben und Denken ihres Schöpfers entstanden. Allerdings handelt es sich dabei weniger um Unter-bewusstes, denn bei aller scheinbaren Spontaneität, sind die Arbeiten letztlich sehr bewusst komponiert und gestaltet, was aber nicht bedeutet, dass ein Bild im Lauf seiner Entstehung nicht die Richtung wechselt, oben und unten austauschen kann.
Figur und Landschaft sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Thematik von Gnade entfaltet, also eigentlich die klassischen Sujets des Malerei, nur - was für Figuren und was für Landschaften?:
Auf jeden Fall keine real existierenden. Es sind eher Vorstellungen von Figuren und Träume von Landschaften< keine äußeren Bilder, sondern Innenschauen, als ob man von außen in sein Inneres hineinblickt und hier die Außenwelt reflektiert findet. Reziproke Bezüge sind ein Merkmal seiner Serien, die sich um Objekte, zum Beispiel Köpfe, bewegen. Humanitäres Gedankengut findet immer wieder Eingang in die geistigen Urgründe der Bilder, die Zeugen einer - wie ich meine - vermeintlich - versinkenden Welt des einst ererbten Kulturgutes unserer Vorfahren sind. Wie ein Greifen nach sich entziehenden Werten wirken oftmals die fragmentarischen Zeichen unter der lasierenden Malschicht. Das Fragment selbst wird zum Protagonisten einer Malerei, die verschleiert, zudeckt und mit Ornament überzieht. man kann sie auch als eine Schutzschicht interpretieren, die Entschwindendes bewahrt, als eine Decke, die Fragiles unter sich birgt. Die Kostbarkeit dieser Decke speist sich zugleich aus dem von ihr Verwahrten. Erinnerung ist das Zauberwort, das diese Malerei zu entschlüsseln vermag, Erinnerung als Bewahren von Vergangenem und Erinnerung als Denkmal für das Zukünftige. Die Gegenwart ist nur im Augenblick des künstlerischen Prozesses da, im Fluss der Farbe schwindet sie dahin.

Die Bilder von Harald Gnade sind stille, ruhige Bilder. man erfasst sie meditativ und kann sich in sie versenken. Schwer vorzustellen, dass Gnade in seiner Jugend ausgerechnet Schlagzeuger in einer Band gewesen ist. Aber Sensibilität für Rhythmus und Bewegung kann man auch in den Gemälden und Zeichnungen feststellen. Gnade ist ein Meister der kleinen Form, der Zeichnung ,Blüten, Früchte, Kapseln auch sie sind nur andeutungsweise zu erkennen, wie vom Herbstwind verweht befinden sie sich in einer imaginären Umgebung , einem imaginären Raum , der wiederum Landschaft, Hülle, Nebel, Wüste, Niemandsland sein kann. Die Kostbarkeit der Dinge wird erst durch ihre Isolierung und ihr drohendes Verschwinden zur schmerzlichen Gewissheit. Denn etwas Trauerndes geht von vielen dieser Arbeiten aus, als seien sie die letzten Zeugen vergangener Schönheit. Eine Geste nur bleibt von der einstigen Pracht sinnlicher Gegenwart, entkörperlicht und sublimiert in der Farbe.

Die Kunst von Harald Gnade hält eine Balance zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit und ist daher für viele Menschen nicht nur verständlich, sondern außerordentlich anregend. Es bedarf eigentlich nicht vieler Worte, um mit den Bildern in Kontakt und Zwiesprache zu kommen. Gerade ihre Nicht-Eindeutigkeit ist das Potential vielfältigster Kommunikationsmöglichkeiten. Allerdings bedarf es einer geistig-sinnlichen Bereitschaft dazu, die sich nicht an der reinen Oberfläche und am schnellen Reiz erschöpft, sondern Zeit nimmt, der eigenen Erinnerung nachzuspüren und sich ihr zu öffnen.

Sucht man nach Vorbildern, kunsthistorischer Herkunft in der Kunst von Harald Gnade, so ist man versucht, sie im Informell zu finden. Aber Gnade geht ja gerade nicht vom Abstrakten aus, sondern vom Gegenstand, so verschlüsselt dieser auch sein mag. Raum, Fond, Figur fügen sich zu Konstellationen reiner Malerei, die ihre Summe aus der Erfahrung der Vergangenheit gezogen hat und sich in verschwenderischer Freiheit und Phantasie fortschreibt.


Eröffnungsrede Galerie Finearts Con.Tra., Neue Bilder, November 2003







...besuche mich zeit...


Ralf F. Hartmann


Vieles von dem, was uns heute an zeitgenössischer Kunst begegnet, sucht das Spektakuläre und Schnell, sucht den unmittelbaren Impuls. Die Halbwertzeit vieler aktueller Kunstprojekte liegt manchmal bei nur wenigen Tagen und es sind auch nicht mehr unbedingt die langfristigen Wirkungen, die junge Künstlerinnen und Künstler suchen.
In der jungen Kunstszene geht es häufig nur um den punktuellen Eingriff, um ein unmittelbares persönliches Statement, das Zwar bisweilen sehr laut und spektakulär sein kann, dessen Klang aber ebenso schnell verhallt, wie es konzipiert wurde.

Wenn der Künstler Harald Gnade über das Heute spricht, dann beschreibt er es in erster Linie als laut, bisweilen auch als grob. Sei n Verhältnis zur Kunst der Gegenwart ist folglich auch ein eher beobachtendes, beinahe vorsichtiges.
Es gibt den Zweifel an der Gegenwart, sei er nun berechtigt oder unberechtigt, und es gibt die Zurückhaltung. Sie artikuliert sich weniger in der eigenen Person, als vielmehr im persönlichen Umgang mit der Kunst – insbesondere mit Malerei – und in der eigenen Einschätzung von Malerei im Spektrum der aktuellen Kunstproduktion.

Erst vor kurzem hatte ich das Vergnügen, hier in der Kunsthalle eine Ausstellung mit einem anderen Berliner Künstler, mit Hein Spellmann zu eröffnen. Er präsentierte ähnlich zurückhaltend und konzentriert wie Harald Gnade, nur wenige ausgewählte ausgewählte Arbeiten in diesem gewaltigen Raum, der eigentlich vielmehr zuließe. Spellmanns Thema waren die einheitlichen Fassaden von Berliner Plattenbauten, die er in ungeheurer Vielfalt künstlerisch bearbeitete. Nicht wenige Gäste waren im Herbst des vergangenen Jahres fasziniert davon, wie vielfältig die Bildwelt Hein Spellmanns trotz ständig wiederkehrenden Motivs ist und wie sehr sich die Kunst diesen großen Raum aneignete, ihn sich im wahrsten Sinne erobert hat.

Nicht viel anders verhält es sich mit der Ausstellung, die wir heute eröffnen. Denn auch Harald Gnade hat die Auswahl seiner Werke beschränkt, hat sie im Wesentlichen auf einen 72-teligen Zyklus von Zeichnungen und vier großformatige Gemälde konzentriert. Ich denke, diese Konzentration, die sich Spellmann und Harald Gnade nicht nur selbst auferlegen, sondern auch von uns als Betrachter abverlangen, wirft gerade hier in Luckenwalde ein Licht auf das leben einer Stadt wie Berlin, fernab vom Getümmel.

Die Kunstgeschichte neigt zu Polarisierungen und auch ich möchte es einmal überspitzt so formulieren:
Das Leben von Künstlern in der Großstadt führt entweder zur Affirmation, das heißt zum uneingeschränkten Akzeptieren, oder es erfordert in irgendeiner Weise kritische Distanz. Für beides aber, sowohl für das Aufgehen im hektischen Leben der Großstadt als auch für den Rückzug, ist das betriebsame Leben der Stadt in gleichem maße existenziell, in diesem Falle das Berlins. Beide Pole sind ohne das Schnelle, oder wie Harald Gnade es für sich formuliert: das Laute und Grobe, schlechter- dings unmöglich.
Die Stadt als Lebensraum dient also in vielerlei Hinsicht als eine der wesentlichen Inspirationsquellen, entweder in der einen oder in der anderen Weise. Ein unentschiedenes Dazwischen, eine Position in der Mitte dieser beiden Pole, gibt es nur selten, und kann es auch gar nicht wirklich geben, denn Stadt zwingt in gewisser Weise immer zur Selbstpositionierung, insbesondere unsere Künstlerinnen und Künstler. Der Lebensraum Stadt ist dazu prädestiniert, zwischen einer gewissen Radikalität und einer selbst gewählten, beinahe isolierten Zurückhaltung zu polarisieren. Präsentiert sich diese Kunst einmal nicht in der Großstadt, ist sie gewissermaßen ihrem Nährboden entzogen und erscheint wie hier in Luckenwalde in einem eher ländlichen Zusammenhang. Hier werden diese Unterschiede dann besonders anschaulich.

Wie viele andere Künstler hat Harald Gnade nicht nur die Kunst, sondern auch den urbanen Bezugsrahmen jahrelang als Exerzierfeld begriffen.
1978 beginnt Gnade sein Studium an der Städelschule in Frankfurt und ist wie die meisten jungen Studenten von Konzept- Kunst und Aktionismus, beispielsweise dem eines Hermann Nitsch, begeistert. Fluxus spielte eine ebenso große Rolle, wie die Bewegung der Neuen Wilden Anfang der 80iger Jahre. Alles musste mehr oder minder wild und unbändig sein, durfte sich nicht hinter den klassischen Ausdruckmöglichkeiten von Malerei, Bildhauerei oder Zeichnung zurückziehen. Auf Jahrzehnte der konsequenten Abstraktion folgten Jahre, in denen plötzlich wieder das Individuum des Künstlers in der Bildenden Kunst erkennbar wurde.
Der erweiterte Kunstbegriff nämlich der eines Joseph Beuys bezog vielfältigste Artikulationsmöglichkeiten mit ein und auch In der Malerei wurden die grenzen des Mediums permanent weiter gesteckt. Dies alles sind sehr wesentliche Entwicklungen, die unsere Kunst der Gegenwart unmittelbar beeinflusst haben und es bis heute tun.

Doch die Jahre 1983-86, als Gnade an die Hochschule der Künste nach Berlin wechselte, bringen für ihn eine ganz persönliche Veränderung in die Arbeit, die ohne seine zahlreichen Italienreisen sicher nicht zu erklären ist. Gnades ehedem oftmals heftige und gestische Malerei beginnt sich zu beruhigen, die Palette hellt auf und der Fokus auf die materielle Textur seiner Bilder wird deutlicher und prägnanter.
Was wir heute um uns versammelt sehen, stellt so etwas wie das Ergebnis dieses langjährigen Transformationsprozesses dar: Eine deutliche Reduzierung des Bildgeschehens und äußerste Konzentration auf die Kraft der Farbe und die Textur des Bildes.

Alles Figurative ist der Faszination für Farbe bis auf wenige Relikte gewichen. Ein figürliches Bildgeschehen ist schlechterdings kaum noch auszumachen, sieht man von einigen wenigen, reduzierten Körpern ab. Diese letzten Körperrelikte scheinen sich verkapselt zu haben, erwecken den Anschein von fossilen Lebewesen, die sich in der Schlacke der Malerei abgesetzt haben. Die Geschichte, die diese Körperrelikte zu erzählen vermögen, wird noch ein wenig mehr in der 72-teiligen Serie von Zeichnungen nachvollziehbar. Es ist die Metamorphose, von dem im Raum sich behauptenden Gegenstand zum bloßen Chiffren haften Kürzel auf nahezu undefinierte Fläche. Unweigerlich geraten so die wenigen rudimentären Körper zu symbo- lischen Formen, oder besser gesagt: zu Metaphern der voranschreitenden Abstraktion und Reduktion.

Wie ich bereits von den fossilen Formen sprach, zu denen sich der Bildgegenstand bei Gnade transformiert, so entwickelt diese Tatsache vor dem Hintergrund – oder besser gesagt auf der Fläche – bereinigter Bildwelten eine eigene folgende Logik. Das, was wir an Rudimenten von Dinglichkeit noch in den Bildern erkennen können, hat den Platz zugunsten der Stofflichkeit, zur Textur der reinen Malerei geräumt.
Mit dem Begriff der Stofflichkeit sind wir nun im Zentrum der Kunst von Harald Gnade angelangt. Denn um stoffliche Werte, um das Vexierspiel von optischen und haptischen Sinnesreizen geht es ihm besonders dann wenn er sich nicht ausschließlich und allein mit der Farbe zufrieden gibt. Gewiss ist die Beimischung von zusätzlichen Stoffen zur Farbe nichts originär neues, denn Durch Gips, Zement oder sogar Beton haben zahlreiche Künstler eindrucksvoll dargestellt wie man aus der Eindimensionalität der Malerei ausbricht. Auf der Suche nach dem Relief, der beinahe skulpturalen Malerei, war nahezu jedes Mittel recht, um zu spektakulären Bildoberflächen zu gelangen. All diese Experimente haben mehr als deutlich zu erkennen gegeben, dass Malerei kein begrenztes Medium darstellt, sondern abgesehen von Inhalt unzählige Möglichkeiten künstlerischer Arbeit eröffnet. Ausgehend von der Malerei des Informell der 60iger Jahre sind nahezu alle Finessen der Materialität erschöpfend dargestellt worden und auch Harald Gnades aktuelle Arbeiten bauen darauf auf.
Man muss nun aber der Malerei zuerkennen, dass sie eines der wenigen, wenn nicht sogar das einzige Medium mit der Kraft zur permanenten Selbsterneuerung oder - verjüngung ist. Malerei ist vielfach für tot erklärt worden und erfreut sich dennoch immer wieder größter Lebendigkeit.
In seinen großformatigen Arbeiten macht uns Gnade eine Transformation der reinen Materialität in Sinnhaftigkeit deutlich. Sprach ich eingangs von dem Spiegel der Großstadt, so verstehe ich Gnades Malerei als Flächen wechselseitiger Spiegelung. Bei Gnade ist es, wie ich bereits erwähnt habe, die Suche nach Ruhe, nach einer Balance und Ausgewogenheit der Bildfläche und ihrer Farbwerte, folglich konzentriert sich der Maler im lauten und groben Leben der Gegenwart auf bildimanente Gesetzmäßigkeiten. Er experimentiert mit der Zeit: Zeit ist heute ein immens kostbares Gut, und sich für den Entstehungs- prozess eines Werkes Zeit zu nehmen, stellt einen immensen Luxus dar. Doch dieser Luxus ist nicht ausschließlich persönlicher Natur, er wird dem Medium und dem Gegenstand der Kunst zuteil.

In der 72-teiligen Serie von getuschten Zeichnungen mit dem Titel ... besuche mich zeit... führt Harald Gnade ein Tagebuch. Dieses Tagebuch verfolgt den Weg des Gegenstandes vom Körper zum Zeichen und macht Etappen der Veränderung deutlich. Von der Position des Körpers im Raum zur reinen Zeichenhaftigkeit, zum völlig abstrahierten Kürzel ursprünglicher Lebens-zusammenhänge. Verschiedene Aggregatzustände von Körperlichkeit reihen sich aneinander und führen beinahe zielge- richtet in die konsequente Abstraktion, aus der ein eigener neuer Kosmos hervorgeht.
Dieser Prozess wird beobachtet, er wird in der Reihe der Zeichnungen dokumentiert und festgehalten, so als gelte es etwas Verschwindendes zu bewahren. Über viele Tage und Wochen des Entstehens, verlangt die Arbeit an einem solch umfangreichen Zyklus Zurückgezogenheit und Kontemplation. Es ist der wesentliche Faktor Zeit, der diese Arbeiten bestimmt und dies im Kontext der Großstadt besonders deutlich macht. Gnade findet immer wieder zu den Ursprüngen, zum tagebuchartigen Festalten äußerer Eindrücke als auch innerer Zustände, in Form der künstlerischen Zeichnung zurück. Beinahe spielt etwas Transzendentes in diese Arbeitweise hinein, denn der Künstler selbst bezeichnet den Zyklus als eine Genesis.

Die vier großformatigen Bilder dieser Ausstellung dagegen, ziehen Konsequenzen, resümieren in gewisser Weise das, was in den Zeichnungen vorbereitet und durchgearbeitet ist. Sie zeigen in der linearen Aneinanderreihung ein Geflecht, machen die Interferenzen im Umgang mit Farbe und im Umgang mit dem Gegenstand deutlich. Es zeigt sich, dass nicht nur der Gegenstand, sondern auch die Farbe in einem Verhältnis zum Raum steht, dass auch der pastose Umgang mit Farbe, die Anreicherung mit verschiedenen Steinmehlen, nicht nur der Plastizität, sondern auch der Räumlichkeit dient. Raum wird hier gleichermaßen als Farb- und Zeitkontinuum, sowie als Bezug zum Gegenstand begriffen.
Mit dem Titel Das empfindliche Kleid verweist der Künstler weiter auf die äußere Hülle der Dinge. Die Malerei wird zum Synonym für den bekleideten Körper, für eine ungleich größere Bedeutung des Äußeren im Verhältnis zum Inneren. Man erkennt in den Arbeiten den Charakter von Geweben, ja man meint sogar die sich durchwirkenden Fäden von Kette und Schuss eines textilen Geflechts zu erkennen und dies insbesondere an den äußeren Bereichen der Bildflächen. Seine Malerei versteht Gnade also in gewisser Hinsicht als Körper. Die Maloberfläche erscheint so folgerichtig als Kleid eines Körpers, als eine äußere Haut, die unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt ist und die gleichermaßen etwas über den darunter befindlichen Körper verrät.
Eine solche Überlegung verleitet zu vielfältigen Spekulationen über die Inhalte Gnades Malerei, doch möchte ich mich auf einen Aspekt beschränken, der mir im bereits skizzierten Zusammenhang der Stadt als Lebensraum wesentlich erschien. Auch Stadt kann man als Körper und zwar als einen gesellschaftlichen Körper auffassen. Ein Körper, der mannigfaltigen Einflüssen ausgesetzt ist, auf den von außen immer wieder neues einströmt und dessen Oberfläche sich solchermaßen konsequent verändert und transformiert.
In die Hülle schreiben sich nicht nur gegenwärtige Aussagen über den Zustand des Lebens ein, es werden in Folge eben Zeichen für die Geschichtlichkeit des Ganzen erkennbar, letzte Rudimente vergangener Epochen, die auf permanente Veränderungsprozesse und den Faktor Zeit hinweisen. Nicht ohne Grund sprach ich zu Beginn von dem fossilen Charakter der Körperformen in Gnades Malerei, denn in den unzähligen Schichtungen von Farbe tauchen sie immer wieder als zeichenhafte Schemen, Symbole und auch als große Flächen auf. Wie archäologische Fundstücke setzten sie sich in vielfältigen Lagen ab. Dieser Vergleich bekommt insofern einen Sinn, als Harald Gnade wirklich mit Gesteinsmehlen, mit zerriebenem Marmor unterschiedlicher europäischer Abbaugebiete arbeitet, die er der Farbe beimischt. Seine Malerei wird somit zu einem geologischen Modell.

Eines der vier großformatigen Bilder, das weiße, trägt den Titel Der Lärm des Tafelbildes. Wir sehen eine beinahe monochrome weiße Fläche, in der wieder die Bedeutung der verschiedenen Sedimente in den Vordergrund tritt. In diesem Bild wird das Modell der Schichtungen besonders anschaulich, und wird somit als geschichtliches Modell wirksam. Dabei ist es völlig egal, ob wir den Modellcharakter auf Themen wie Kunst und Stadt, oder auch auf die Landschaft beziehen.
Viele großformatige, aus den 90igern stammende Arbeiten Gnades tragen übrigens den Titel Metaphysische Landschaft. In ihnen geht es nicht um etwas Abbildhaftes, sondern um eine geistige Form der Auseinandersetzung mit geschichtlichen Prozessen, mit Kultur und menschlichem Leben. Gnade versteht den Menschen als Natur, so wie die den Menschen umgebene, als einen einzigen voneinander abhängigen Organismus.
Der Lärm des Tafelbildes ist insofern ein polarisierender Titel, denn Lärmendes und Spektakuläres erkennt man als Betrachter auf diesem Bild nicht. Das laute und grobe Leben unserer Gegenwart hat sich vielmehr in den Entstehungsprozess ein- geschrieben, hat die Chronologie des tagebuchartigen Dokumentierens in der Arbeit von Harald Gnade begleitet und seinen beinahe metaphysischen Blick auf die Gegenwart geformt.
Eine solche Haltung kann ein Künstler meiner Meinung nach nicht in der Zurückgezogenheit des ländlichen Lebens entwickeln. Diese Malerei braucht die permanente Auseinander- setzung mit der Großstadt, eine tägliche Herausforderung unter den sich ständig ändernden Strukturen. Hieraus muss nicht zwangsläufig das Chaos im Künstlerischen resultieren, es kann ebenso konsequent Schönheit aus ihm entstehen. Eine Schönheit, die Gnades Kunst auszeichnet. Eine Vielfalt der Gegenwart. Ihre scheinbar oftmals gegen- einander strebenden inneren Energien und äußeren Einflüsse werden in einer ganz eigenen Malerei anschaulich.
Die Malerei von Harald Gnade gerät so zum Dokument des Heutigen, das sich als ein Ergebnis vielfältiger Prozesse darstellt, und das äußerst aufmerksam von einer kritischen Warte aus beobachtet wird.


Ralf F. Hartmann, Berlin 2002


zur Ausstellungseröffnung in der Kunsthalle Vierseithof in Luckenwalde bei Berlin







ZeitZeit


Wilhelm Gauger


Über Harald Gnades Werk zu sprechen bedeutet, die eigenen Worte immer neu zu definieren. Was zum Beispiel heißt Vielseitigkeit? Das Wort bezeichnet zuerst eine erwünschte Charaktereigenschaft. Hier aber ist es noch anders zu verstehen: Es bedeutet nicht einfach die Fähigkeit, sich da und dort zurechtzufinden und auszuweisen, sondern ist als untrennbar mit der eigenen, mehrfachen Aufgabe zu verstehen, die nicht gesucht, sondern gefunden wurde und eine existenzielle Herausforderung darstellt.

Eine der Herausforderungen, und zugleich Leistungen ist es, einem Moment Dauer zu verleihen. Und schon muss dies seinerseits neu definiert werden. Es geht hierbei nicht um den monumentalen Augenblick, wo sich Washington über den Delaware River setzen lässt, also um einen geschichtlichen, figural wiedergegebenen Moment. Es geht auch überhaupt nicht darum, einen bedeutenden Moment unter vielen anderen herauszuheben. Sollte man statt von einem Moment von einem Ereignis sprechen? Da geht es wiederum nicht um den Rang eines Ereignisses, sondern - es mag sich seltsam anhören - es geht um die Ereignishaftigkeit selbst, ein Betreten und Wiedergeben des Inneren eines Ereignisses. So etwas geschieht in der Physik wie in der Kunst in einer höchst abstrakten Art und Weise.

Und was heißt denn schon Wiedergabe?
In den großen Gemälden Harald Gnades wird primär nichts wiedergegeben, also reproduziert, es geht um kein Abbild, sondern um den Vorgang des Ereignisses selbst, dessen Zeuge wir sind. Gewiss findet jedes Ereignis in der Zeit statt. Gnades Leistung besteht, nein, entsteht darin, dass ein zeitliches Ereignis noch im geronnenen, fixierten Moment bestehen bleibt, den das Bild festhält.
Bilder werden von Betrachtern wahrgenommen: Das ist ein Informationstransfer, und bei Gnade entsteht diese eben beschriebene Wirkung durch einen behutsamen Eingriff in diesen Transfer. Es ist kein Gewaltakt, sondern ebenso gut ließe sich sagen, dass sich der Künstler von einer inneren Dynamik des Vorgangs tragen lässt. Die damit verbundene Spontaneität ist etwas, das den Künstler wie auch das entstehende Werk, also beide umfasst. Damit bleibt der Moment, selbst wenn das Bild fertig und unbeweglich geworden ist, ständig in der Bewegung erhalten, und die Betrachter werden zu Zeugen dieses Vorgangs. Die pastosen Massen eines Farbstoffs scheinen noch ständig zu fließen, auch wenn sie erstarrt sind. Manches erinnert dabei an geologische Formationen - und dann sehen die Betrachter die Bewegungen und Verschiebungen der beispielsweise felsigen Erdkruste am Werk selbst und nicht nur deren Ergebnis. Der Blick spielt dabei unablässig zwischen Plastischem und Flächigem, zwischen einer lllusion und deren Übergehen in Realität. Gemalte Schatteneffekte treten neben solche, die durch den Lichtauffall von Farbmassen entstehen. Man erkennt Begrenzungen, Schrunden, Risse und Übergänge. Neugierig geworden tritt man nahe an das Bild heran und kommt nur so zu Unterscheidungen. Man entfernt sich wieder. Hierdurch aber kommt es zu keiner Entlarvung einer Illusion, sondern wir erkennen die schöpferische Eigenschaft des Auges. Hinzu kommt, dass die realen Schatten des Bildes durch den sich ständig wandelnden Lichteinfall im Verlauf eines Tages nach wie vor in die Zeit eingebunden sind. Was wir sehen, ist nicht nur Farbe, Relief, Fläche, Raum und Form, sondern unseren Blick selbst.

Solche Grenzüberschreitungen sind Handlungen. Zum Wahrnehmen bleiben wir nicht einfach sitzen, sondern bewegen uns, und die Illusion steht gleichwertig neben dem Realen. Dies bezeichne ich als Handlungen, weil sie uns erstaunen. Die Erstmaligkeit bleibt erhalten und mit einiger Vorsicht läst sich hier von action painting sprechen, wenn auch nicht wie in der uns bekannten öffentlich publizierten Form. Das Kunstwerk und sein Entstehen haben Modellcharakter, insofern der Entstehungsmoment - wie lange er auch immer dauern mag - ständig erhalten bleibt und dies für den Betrachter direkt nachvollziehbar wird. Von fundamentaler Wichtigkeit ist die Tatsache, dass sich die Materialbilder von Gnade in ihrem Entstehen so dokumentieren, dass sich das Entstehen selbst zeigt. Es kommt weniger auf das fertige Produkt an als auf die mit ihm sichtbar gewordene Geschichte. Hier ist etwas noch Intimeres enthalten. Der Maler besitzt die Gabe, einem Moment Dauer zu verleihen, Zeit zu verlängern oder zu kürzen, kurzum mit ihr zu spielen. So kann er den Zustand Moment - Dauer umkehren, denn in der Dauer gehen niemals das Momentane und das Ereignis verloren. So wird dem Dauernden das Momentane verliehen. Auch dieses sprachliche Spiel verrät etwas von der unablässigen Bewegung in der Malerei von Gnade.

Nun mag es so wirken, als wäre hier nur von Flächigem und Räumlichem die Rede, treffender gesagt von Ausgedehntem. Es wäre aber falsch, die zeichnerischen Elemente in den großformatigen Arbeiten zu übersehen. Auch die Zeichnung mit in die Betrachtung hineinzubringen ist eine handelnde Grenzüberschreitung, denn die zeichnerischen Elemente begleiten das Geschehen im Ausgedehnten. Geschichte hat etymologisch mit Geschehen zu tun, und tatsächlich fordert die Zeichnung den Blick dazu auf, das einzelne Bild weder zu Beginn noch zum Schluss als abgeschlossenes Ganzes zu erfassen, sondern wandert; dabei werden die Momente, in denen man Einzelheiten erfasst, zu Begegnungen, zum Ereignis zwischen Fläche und Linie, aber auch zu Begegnungen des Blickes mit sich selbst und dem Detail.
Gnades weiße Bilder erscheinen als Teil eines Ganzen. Wie aus dem Zusammenhang heraus genommene Teilstücke bearbeitet der Künstler die Leinwand. Mit den bereits in der Einführung geschilderten Werkstoffen arbeitet er so, dass die Darstellung unterschiedlicher Stofflichkeiten als Metaphern für die Begriffe Zeit und Geschehen stehen.

Zu einigen Themen schreibt er: “Die Wand im öffentlichen Raum, ist ein zweckgebundenes Objekt, ein Relief im Begriff ständiger Wandlung - Spuren, Fragmente von Sinn werden durch darauf folgendes Geschehen wieder vollständiger - Anhäufungen von Sinn - Ein Gefühl von Sinn - Sinnentleerung. Das Thema Stoff variiere ich von Bild zu Bild und setzte auch hier Metaphorik als Mittel zum Dialog ein. Der gewebte Stoff, zeitloses, wandlungs-fähiges Material, körperhaft in seiner Erscheinung, wird er zur Landschaft - Ausdruck einer Landschaft, einer inneren Landschaft - haptisch - ein Relief - Entfernung zur Landschaft - Erinnerung an eine Landschaft.”

Das Ineinanderfließen unterschiedlicher Themen ist ein wesentliches Ziel seiner Arbeit. Gezeichnete Umrisse umschließen Flächiges allenfalls, müssen aber nicht einmal das. Ohnehin sind sie, auch in übertragenem Sinn, offen, und zwar zum Gegenständlichen, zu dessen Andeutung, wie auch zu reiner Linearität hin. Der Betrachter wird mit den Fragen konfrontiert, weshalb gerade dies oder das in dieser oder jener Form, da oder dort sichtbar wird. Das aber bedeutet nicht, dass diese Fragen eindeutig zu beantworten wären. Auch hier bleibt eine unbegründbare Offenheit in Gnades Arbeiten, deren Rhythmik und Musikalität wir uns anvertrauen. Man kann nicht einmal sagen, was zuerst kommt; Grenzüberschreitung - Fläche / Linie, Fläche / Räumlichkeit, Entstehung / Zeugenschaft, Illusion / Realität, Moment / Dauer- oder Offenheit. Was ist Grund oder Ursache, was die Folge? Hier sind es Spannungen, Begegnungen, Ereignisse, deren Beschreibung die Erklärung ist. Sicher spielt hier die musikalische Vergangenheit eine nennenswerte Rolle im Werk des Künstlers.

Harald Gnade studierte an der Städelschule in Frankfurt/Main, bevor er 1982 nach Berlin kam. In seiner Frankfurter Zeit machte er, außer der Bildenden Kunst, Musik. Klavierunterricht bekam er bereits ab dem 9. Lebensjahr und nahm später Unterricht am Frankfurter Konservatorium. Frühen Kunstunterricht erhielt er bei seinem Großvater, dem expressionistischen Maler Curt Ehrhardt (1895 - 1972), heute ein anerkannter Maler aus der Zeit der Novembergruppe Berlins. Noch vor seinem Studium war Harald Gnade der Mitbegründer einer Erfolg versprechenden Jazz-Rockband, die zu Beginn der 80iger Jahre in Frankfurt eine Single und eine Langspielplatte herausbrachte. Trotzdem verließ er den musikalischen Weg und wandte sich der Bildenden Kunst zu.

Dies ist gleichzeitig eine Überleitung zu einem dritten Feld, den eher kontemplativen Arbeiten, vor allem als Aquarell oder als Tuschezeichnung. Der schweifende Blick wird zur Geschichte, zu einer Geschichte im Sinn einer Erzählung. Gnades Bilder dieser Gattung haben einen lyrischen Charakter. Hier dominiert nicht das Haptische, die harte, unmittelbare und ergreifende Begegnung, sondern die Stille. Bei den figurativen Arbeiten tritt die Farbe in den Hintergrund. Gnade experimentiert mit der Anatomie, mit Verteilung und Auflösung, mit Diffusem und der Natur von Umrissen bis hin zum fast Skriptoralen. Wurde bei den großformatigen Bildern die Fläche bis zum Extrem ausgereizt, konkurrierten dort Transparenz mit Schwere, Kompaktheit mit Feinheit und entstanden Irritationen aus dem Kampf mit dem Format, so herrschen hier Sparsamkeit, abstrakt oder figural. Zu den figurativen Arbeiten schreibt er selbst: Wenn ich mich mit einer Skizze beschäftige, bin ich schnell bei der Zeichnung oder der Tuschezeichnung. Hierbei beschäftigt mich vorwiegend körperhaftes, die menschliche Figur, nicht in ihrer normalen Anatomie, sondern mehr in einer experimentellen. Die Körper sind oft nur fragmentarisch vorhanden, sie erscheinen verdreht, verbogen, introvertiert, oder extravertiert, sie sind nur Linie und nicht gefüllt, mal schweigsam, mal heiter, mal als Ornament, kräftig oder zart.”

Hier sei noch mal Gnades Vielseitigkeit betont, ein Zustand von Entdeckerfreude und gleichzeitigem Anspruch an den Künstler, der keinen Ausweg lässt. Man muss, was man will. Über die Vielseitigkeit eines Könners zu sprechen, das steht gar nicht in Frage, ist Gnade darüber hinaus aber jemand, der in seiner Kunst die Herausforderungen als Möglichkeiten und die Möglichkeiten als Herausforderungen mit großer Aufrichtigkeit versteht.


Wilhelm Gauger, Berlin 1999, Katalog ZeitZeit, 2000







ZeitZeit


Sergio Troisi


Wenn man, fast am Ende dieses Jahrhunderts auf einen chronologischen Begriff hinweisen müsste der in der Lage sei, in wenigen, - ja, ganz wenigen Jahren, ein Umschwunggefühl in einem mit Vorwärtssprüngen gekennzeichneten Panorama der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenzufassen, dann könnte dieser Begriff am Ende der Siebzigerjahre gefunden werden; das heißt, als das kritische Bewusstsein, das den Weg der Avantgarde und der Neoavantgarde bestimmt hatte, sich plötzlich vor einer neuen, zuerst noch vagen und verwirrten und dann immer klareren Zeitwahrnehmung befand: Das Bewusstsein, also, des endgültigen Untergangs der Ideologien, die der Kunst den Stoff der Utopie, der Überzeugung - oder Illusion - von einem Fortschreiten der formalen Sprachen geliefert hatten, das sich dann in einem endgültigen Befreiungsakt, in Vorstellung und Praxis, in der Gesellschaft auflöste.

Vor diesem neuen Bewusstsein, dass das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Künstler nicht mehr im Rahmen eines intellektuellen Projekts erklärbar macht, schwankte die künstlerische Forschung einen Augenblick, um schließlich zurückzuprallen: Das heißt, sie fand in der nahen oder auch fernen Vergangenheit ein semantisches Feld wieder, das zum Teil noch unerforscht und reich an neuen Potentialitäten war. Sie kam zuerst auf die Instrumente zurück, die die letzen Neoavantgardisten - die Concept-art als erste - abgeschafft hatten, weil sie diese Instrumente, wie Pinsel, Farbe, Papier- oder Leinwandoberflächen für tote Materien erklärten, die nicht in der Lage waren, den Zeitgeist ans Licht zu bringen. Es handelte sich jedoch um ein verstreutes, im Wesentlichen eklektisches (genauso eklektisch, wie sich heute die künstlerische Forschung auf jedem expressiven Gebiet zeigt), Zurückprallen, ohne programmatische Linien, das gerade in dieser unterschiedlichen Ausdrucksweise den neuen vielförmigen Reichtum an expressiven Anlagen bezeugte.

Im Fall von Harald Gnade fiel diese zurücklaufende Veränderung, an der sich die geradlinige Bewegung der Avantgarde brach, nicht in eine so ferne Zeit zurück, als dass sie einen Halt für neue tröstende Mythologien hätte bieten können (im Gegensatz zu anderen Künstlern, die ihre Vorgehens- weise, manchmal durch das Aneignen von Stilelementen der Renaissance oder des Manierismus, im Bereich einer wieder gefundenen Figuration verankerten): Harald Gnade orientiert sich an der historischen Erfahrung des Informellen (das übrigens nie definitiv verschwand), ohne den Weg der Avantgarde zu verleugnen. Vielmehr übertrug er ihr eine neue Bedeutungsintensität. Vom Informell entnimmt Gnade zunächst das Beharren auf der materiellen Angabe, der Farbenprächtigkeit, der Gesten- und Zeichensprache: Aber es handelt sich hierbei, wie schon gesagt, nicht um ein Zitat, also um die Wiederaufnahme eines Codes von formellen Invarianten oder von einem Erkennungssystem, das in der Lage ist, die Werke des Künstlers zu klassifizieren und zu ordnen. Außerdem ist derselbe Begriff informell ausreichend unbestimmt und manchmal vereinfachend formuliert, da er, laut europäischen Forschungen und ihrem darauf folgenden Niedergang, allein auf dem amerikanischen action-painting basiert; vielmehr zeigt das, was den ununterbrochenen Faden in den Werken des deutschen Künstlers bildet, also Sinn für Farbe und Materie, die zusammen in einer einzigen emotionalen Spannung verwickelt sind, ein moralisches Bedürfnis der Malerei, eine ethische Frage in Anbetracht unserer Gegenwart.

Wenn das historische Informell in der Farbmaterie das Zeichen, die Dialektik der romantischen Form von Introversion und Extraversion, suchte, ist in Gnades Werken das, was dominiert und an der Oberfläche lagert, ein Gefühl der eingestellten Kontraktion, als ob die großen Schwünge unterbrochen wären und die Materie in einer ungewissen Stille pulsiere.
Eine Schwellendimension also und eine Zeit der Unterbrechungen, wie es sich für ein Zeitalter schickt, das sich an einem kritischen Punkt befindet: So dass, wenn das In-formell der Fünfzigerjahre sich im Rahmen der Geschichte und auch innerhalb seines erneuten und schmerzhaften Bewusstseins, bewegte, Gnades Werk jedoch die verallgemeinerte Randkondition, sein grenzen- und pausenloses Hinundherwogen erfasst.
Jeder Beobachtungspunkt ist gerechtfertigt, jede Weltperspektive beinhaltet ihre eigene Wahrheit, jeder Moment ist ein Zentrum von sich selbst, er breitet sich aus und erhebt sich, arhythmisch und diskontinuierlich.

Wo der figurative Schwerpunkt wogt und sich verschiebt indem er synkopierte Wege geht, im Auswuchs eines Farbgerinsels koaguliert, sich in die Trasse des Duktus legt und während seines Bildungsprozesses in die Materie gezeichnet wird, und das alles gleichzeitig in einem sich entwickelnden Modell, das nicht filtern und selektieren will, sondern im Gegenteil sondieren und jeden Impuls der Malerei als Malerei selbst aufnimmt, wird Harald Gnades künstlerische Absicht deutlich.
Wenn Farbe und Materie zwei Aspekte derselben und unteilbaren Erfahrungsidentität sind, dann kommen dieser Spannung der Materie nicht zufällig Farben elementarer Kraft gleich: Die unergründliche Tiefe des Hellblau, das Magma des Rot, die kaum unterdrückte Energie des Gelb, die Stille des Weiß, das sich in einem Werk wie ein Tuch auf der Oberfläche ausdehnt. Farben, die in der Skala ihrer höchsten Reinheit nie verwendet werden, die im Gegenteil durch Rückstände geädert und unter der dünnen Schicht von ungleichmäßigen Strömungen durchquert sind, so wie die geologischen Querschnitte eines Minerals, die seine jahrhundertealte Geschichte wiedergeben, die Gnade wieder zusammenstellt - manchmal indem er denselben Schussfaden mit den chromatischen Ebenen zusammenwirken lässt, so dass das endgültige Werk seine graduelle Schaffung, seine Stratifikationen und sein langsames Auftauchen enthüllt. So wie es zu uns gelangt, ist das Werk einen wiederholt intensiven Erkenntnisweg gegangen, es hat die Genesis der Materie, die Eigenschaften der Farbe erforscht, und sich in Form gelöst, indem es von diesem zurückgelegten Weg die Spuren wie weltliche Stigmata der Erfahrung aufbewahrt hat: In diesem Sedimentationsprozess, der mit der geistigen und manuellen Arbeit des Künstlers übereinstimmt, findet die Malerei also das ethische Wesen der Handlung wieder und übergibt dieses der Gegenwart mit dem Wert eines Zeugnisses.

Und so wird die zerrissene Zeit der Gegenwart freigekauft: Indem ihre Gegensätze als notwendige Voraussetzungen angenommen und im formellen Gefüge aufbewahrt werden, und trotzdem in ihnen eine Linie gesucht wird, die in der Lage ist einen bedeutenden Weg zu zeichnen; nicht indem das Werk in die Zeit eingeordnet wird, sondern umgekehrt, die Zeit in das Werk.


Sergio Troisi, Palermo 1997, Katalog ZeitZeit, 2000







Die Poesie der Form


Francesca Pensa


Der künstlerische Weg Harald Gnades entwickelte sich in aufeinander folgend konsequenten Etappen. Er ist Ausdruck einer konstant ursprünglichen und zusammenhängenden Poesie. Einige Themen wiederholen sich paarweise im Werk des Künstlers und werden so zum substanziell expressiven Werkzeug seiner künstlerischen Sprache.

Die Farbe in all ihren möglichen Wertigkeiten definiert sich als sichtbar fundamentale Struktur: Eine starke Farbigkeit, geordnet in Töne, die ihre Gegenwärtigkeit erzwingt, zeichnet sich bis in die früheren Werke des Künstlers ab. In dieser Farbigkeit ist eine expressionistische Herkunft erkennbar, die auch Gnades kulturellen Bezug, so stelle ich mir vor, gefühlsmäßig begründet; das gleiche Gefühl veranlasst den Künstler zu einer mutigen und ursprünglichen Verbindung der mittel-europäischen Formensprache mit der Farbigkeit der mediterranen Welt.

Gnade reichert seine Malerei mit unterschiedlichen Werkstoffen an, die wiederum zur Findung neuer Ausdrucksmittel dienen und folglich seine Poesie erweitern. Es paaren sich Travertin und andere Marmorsorten als Pigment, modelliert in einer Mischtechnik als wäre es Ton; die Oberflächen erheben sich reliefartig und durchbrechen die Zweidimensionalität der malerischen Fläche.

Die Manifeste der klassischen Kunst dienen den Bedürfnissen zeitgenössischer Expression, passen sich neuen Formen an und behalten sogar in einigen Werken ihre beschwörende Macht, die aus der Jahrtausende alten künstlerischen Tradition entspringt.

In seinen neuesten Arbeiten stellt sich Gnade noch anderen Inhalten im Zusammenhang mit dem Thema der Figur, das je nach ursprünglicher Beschaffenheit aus einer ganz persönlichen Vision der künstlerischen Ausdrucksweise dargestellt wird. Der Kopf und der Körper sind ein konstanter Bezug und kommen in unterschiedlichen Werken wiederholt als meditative Übung vor.
Gnade stellt sich auch dem Thema `Stoff´. Seine großen Leinwände werden zu Wandteppichen, in denen sich das Gewebe und die Schussfäden aufzutrennen scheinen, einen Hauch einer Konsistenz nehmend, wodurch wiederum die Farbigkeit verschiedenartige Töne erhält, die von feinen und gradualen Lichtpassagen durchtränkt ist.

In der Skulptur, ein von ihm weniger praktizierter Bereich aber in jedem Fall präsent in seinem Werk, finden sich diejenigen Elemente, wo die plastische Komposition an die Malerei anknüpft. Der Ausdrucksweise der Formen geht eine entschlossene materielle Absicht voraus, während in anderen Beispielen die Farbe überwiegt, die eine dreidimensionale Oberfläche, sich im Raum öffnend, bedeckt.
Jenseits von all Diesem ist dennoch, so vermute ich, der substanziell besondere Schwerpunkt in Gnades Kunst in den formalen Beschaffenheiten zu suchen, die ausgewählt werden, um Themen und Begriffe zu provozieren und um den Anforderungen dieser Malerei unterschiedliche Techniken zugrunde zulegen. In all seinen Werken wird ihr kommunikativer Ablauf konstant sichtbar. Er offenbart sich in expressiven Gesten und konkretisiert sich in ikonegrafischen Zeichen, die seine Bilder zusammenfügen.
Die tropfende Farbe, die mit den Händen bearbeiteten Marmorpasten, der starke Pinselstrich, oft mit dem Impetus der Dringlichkeit angewandt, kennzeichnen seine Kunst und begründen das immer wiederkehrende Thema. Das Bewusstsein des Künstlers und sein kosmisches Lebensgefühl werden in diesen Zeichen sichtbar. So werden die Bilder Zeugnis einer Geschichte des Geistes, durch den Moment der künstlerischen Schöpfung aber auch in der fort dauend unbestimmten Zeit, sprich in den Schichtungen des Gedächtnisses, konstruiert.

Sein kultureller Bezug ist das Informell, dessen Duktus aber in einem neuen Ausmaß durch eine persönliche, kontinuierliche Meditation wiedergegeben und wiederbelebt wird. Die Bilder leben von expressiven und kommunikativen Formen, aber nicht nur: Nebenbei beobachtet man eine an Substanz gewinnende, gewissenhafte Analyse kompositorischer Elemente, erkennbar durch die geläuterte Auswahl der Farben, der Formen, der werkstoffartigen Stilelemente und der Graphismen. Das visuelle Ergebnis zeugt von dieser bewussten Kontrolle, die sich in stilvollen und differenzierten Wirkungen in Gnades gesamtem Werk präsentiert.


Francesca Pensa, Mailand, Januar 1997, Katalog zur Ausstellung Rudiment – Bewegung – Fragment Schloss Charlottenburg, Berlin 1998







Vision und Visualisierung


Peter Hopf


Harald Gnade ist ein Deutschland lebender Künstler, dessen Liebe und Hingabe zum Geist des Mediterranen Bestimmt zu sein scheint.
Sein Großvater, Curt Ehrhardt, dessen nachgelassenes Werk er liebevoll verwaltet, war Expressionist. Die Sinnlichkeit der Farben, die Abwesenheit von Scheu, sich der Möglichkeit zu bedienen, die Rot, Gelb, Blau, Grün, Orange, Violett, Schwarz und Gold bieten, verbindet Gnade und seine Arbeit mit dem Credo der Expressionisten.

Seine Bilder sind Energieträger, die in einem dynamischen Dialog zwischen Materie und dem Ich entstehen, dem Ich, das sich nicht nur dem Geist sondern auch dem Körper widmet. Seine gestalterischen Mittel sind nicht der Phantasie ureigener privater Euphorien und anderer Zustände seines Sensoriums und ihre Sichtbarmachen zu verdanken, sie sind vielmehr Extrakte eines Balanceaktes, den das Ich ausführt, um die eine, unverwechselbare Wahrheit zu beschreiben, die im Moment dieses Schöpfungsaktes erkennbar wird. So entstehen Spiegelbilder, die das Arsenal des Unterbewusst- seins bereithält, wenn es gelingt, das Geröll der darüber liegenden Schichten wegzuräumen. Spiegelbilder eines unverfälschten Ichs, das den Zugang zum kosmischen nicht erst mühsam suchen muss, sondern mit ihm in Verbindung steht, Tei desselben ist und in seiner Vielfalt die Unendlichkeit des Raumes als Gesetz in sich trägt.
Wie sagte doch Juan Miró: Alle Kraft kommt aus der Erde. Über der Erde ist der Raum, der Kosmos, sind die Gestirne. Das Geschöpf, der Mensch steht oder bewegt sich auf der Erdoberfläche, er erfährt den Raum und bewegt die Kräfte, die unsere Erde freigibt. Die Gestirne wirken im unendlichen Raum, in dem wir uns bewegen.
So ist der Mensch, aber auch der Künstler in eine Konstellation gestellt, die ihn quasi zum Erfüllungsgehilfen eines kosmischen Raumes und der in ihm waltenden Kräfte macht. Nichts, was er tut, was er hervorbringt, ist er selbst. Er ist Teil des Dreiklanges von Erde – Mensch – Raum. Nur wenn er diese Gesetzmäßigkeiten erkennt, wird er sein Gleichgewicht erreichen und behalten. Das bedeutet auch, dass Kunst zu machen eine Art Kampf ist. Diesen Balanceakt auszuüben gleicht einem Geheimnis, das man nicht erklären kann.

Der Künstler wird quasi von unten (Erde) und von oben (Kosmos, Sonne) in einem Spannungsraum aufgefordert, Form, Materie, Farbe zusammenzustellen, einem Schöpfer gleich, eine Ordnung der Dinge abzusondern, die eine Wahrheit seines Seins widerspiegelt. Er soll Auskunft geben, wie er es versteht, die Energien aufzunehmen und mit seinem Formwillen zu paaren. Das läuft darauf hinaus, dass der Künstler ein Mensch ist, der sein Menschsein durch die Kunst ausdrückt. Sein Wagnis seine Hingabe, sein Kampf, sein Scheitern fordern einen hohen Preis, fordern den Einsatz seiner Seele seines Körpers oft bis zur Erschöpfung. Der Künstler ist einer, der die Suche nach dem Selbst als Lebensziel, als Inhalt, als Weg, als Wagnis eingeht. Er ist, ob er will oder nicht, ein Idealist, ein Demütiger, einer der bereit ist, die Majestät der Wirklichkeit anzuerkennen und ihr zu dienen.

Max Beckmann sagt:
Die Geschichte der Menschheit ist nicht die Geschichte der Politik, der Kriege, der Katastrophen, der Technik, der Wissenschaft, es ist – und da ist sie dem, was das Geschöpf als Krone der Schöpfung eigentlich sein sollte sehr nahe - es ist die Geschichte der Kunst. Ohne sie ist die Menschheit ein Termitenstaat.

Es ist das Gefühl, das sich den Körper schafft. Diese sicher unzulässige Verfälschung des Goethe – Wortes Es ist der Geist, der sich den Körper schafft, ist eine Möglichkeit der Kunst von Harald Gnade zu nähern.
Ich glaube dass das Gefühle zuerst da war. Der Geist, oder was wir dafür halten, kam später, denn der Geist wie auch die Seele des Menschen sind durch die Jahrtausende seiner Existenz erst entstanden, behauptet und angenommen worden; Das Gefühl aber war zuerst da.
Harald Gnade hat eine tiefe Beziehung zum Mediterrané, genauer zur Mittelmeerinsel Sizilien, einer besonderen Kultur, die man nicht mit Italien gleichsetzen sollte. Das kommt daher, das Harald Gnade mit einer Sizilianerin verheiratet ist, und seine wunderbaren Farben, wie ich selbst empfinde, eigentlich für einen deutschen Maler untypisch sind. Die Sonne Siziliens und diese Glut der Farben sind eine wunderbare Variante in der deutschen Malerei, und ich möchte fast sagen, wie brauchen mehr davon.
Tatsache ist, dass die Oberflächen seiner Bilder von besonderer Bedeutung sind. Sie sind haptisch, man kann sie tasten und fühlen, wie die Haut des Bildes geformt ist. Ich denke dies kommt daher, dass der Maler seine Seelen- Landschaften und das, was dahinter ist, in eine Oberfläche verwandelt. Die aufblühenden Farben seiner Bilder verhelfen ihm dabei, die Farbe als Partner zu sehen.

Im 19. Jahrhundert ist auf allen Gebieten der Kunst viel Gutes und Wichtiges gemacht worden. Das braucht hier nicht näher betrachtet zu werden. Die damaligen Poesiealben erhoben den Anspruch, dass Kunst auch persönlich sein dürfe und nicht nur übergeordnete Dimensionen zu vertreten habe. Der persönliche Schmerz, das Glück, die ureigene Sehnsucht des Menschen waren Gegenstand der Kunst. Unser heutiger Begriff von dem, was Kunst sei, ist da Scheinbar wieder unpersönlicher gefasst. Vom Ich zu künden ist eigentlich tabu. Der Künstler stellt das Ich hinten an, tritt zurück und wird zum Träger, zum Katalysator von Etwas, das in der Weltseele, in der Summe der Gefühle aller Menschen seiner Zeit schwingt. Er legt sein Ohr an die Schienen, auf denen der Zug dieser Welt fährt. Die Töne versetzen ihn in Schwingungen, er kann seine physische Existenz erfahren, indem, er auf das hört, was ihm zugerufen wird. Eine Botschaft daraus zu machen, sich über das Private, das Ich, das an Tagesfragen hängt, hinwegzusetzen und sich hinzugeben an die empfangenen Signale sich zu öffnen, eine Camera perpetua zu sein, ist die Möglichkeit, den Augenblick in Bildern erstarren zu lassen.
Sieht man sich mit den Bildtafeln und Stelen Gnades konfrontiert, könnte man versucht sein, die Abwesenheit eines Themas im herkömmlichen Sinn festzustellen. Der Betrachter sieht sich im ersten Augenblick einer informellen, non- konformistischen Farb- und Formenwelt gegenüber, die voller Überraschungen ist. Eine unverblümte mediterrane Pracht lässt jede Angst vor Gelb, Rot und Blau vermissen, Thema ist, die Farbwelt, die er ausbreitet und untersucht, inwieweit sich die Lust an der Farbe einem Grenzbereich nähern kann, wo die Form als Ordnungsprinzip ihre Dominanz aufzugeben scheint. Farbe als Thema, Materialoberfläche als Haut – Raum – Körper Ereignis. Gnade malt keine Bilder, indem er sich für einen verselbstständigenden Malakt hergibt. Die Fläche, eine Art weißer Körper im Niemandsland, der Künstler als Seiltänzer des Gleichgewichts zwischen den Kräften, die aus der Erde kommen und denen, die der Kosmos im unendlichen Raum bewegt. Die Arbeiten von Harald Gnade gleichen in ihrer Stofflichkeit, ihrer Materialität, die unter Verwendung von Zusätzen wie Marmormehl erzeugt wird, gemalten Reliefs, deren Oberflächen sich in den Raum stülpen und als Körper begreifbar werden. Der Auftrag der Farbpasten, ihr Volumen, die Farbmassen, die strukturellen Oberflächen, die Licht und Schatten erzeugen, ermöglichen die Staffelung der räumlichen Ebenen des Bildes.
Der Betrachter erlebt, dass das Oberfächenereignis durch seine Schichtungen und Verschränkungen einen Raum Bildet, der eine mediterrane Atmosphäre spiegelt. Archaische Formensprache wird in Kürzeln vorgetragen und auch Eros und weibliche Erotik können assoziiert werden. Und damit skizzieren wir ein weiteres Thema seiner Malerei. Ein Repertoire aus kleinen, erotischen Figurinen, Kopfprofilen, schablonenhaften Zeichnungen und Symbolen stehen oft in einem lebendigen Dialog mit der großflächigen farbigen Form. Fragmentarische Anhaltpunkte, die sich oft als skriptorales Element im Bildraum befinden, beleben die Fläche und machen das gesamte Ereignis figurativ. Zwischen der Doppeldeutigkeit und dem Versuch der Formulierung der Absurdität der Realität versucht Gnade seine Bildvisionen zu vermitteln, Expression und Spontaneität münden schließlich in pure Malerei.


Peter Hopf, Berlin 1993







Merkwürdige Mischung


Rainer Höynck


Harald Gnade blickt mit Neugier voraus auf sein nächstes Bild, als schaffe es sich Selbst, einerseits. Andererseits liegt viel Kopfarbeit vor dem Malprozess.
Wenn die Arbeit dann fertig ist und die neue begonnen wird, fragt sich der Künstler: Wo bist Du hingekommen? Was kündigt sich an?

So entstehen Bilder, deren kräftige Eigenleben nicht gemalte Gedanken nicht gemalte Gedanken darstellen, sondern offensichtlich aus Farbe und Form geboren sind. – was man Sofort sieht. Was man erst bemerkt, wenn man eine Reihe von Bildern betrachtet hat, jedes anders und neu wirkend, ist der schlüssige Zusammenhang, die gemeinsame Grundstruktur. Ganz ähnlich also Herangehensweise und Arbeitsprozess, ganz unterschiedlich die Ergebnisse. Keine Variationskette, sondern verschiedene Lösungen der selbst gestellten Aufgabe.

Eine wichtige Rolle bei dieser Balance zwischen Überlegungen, Emotionen und Technik spielt Die Ruppigkeit der Malgründe. Nicht immer findet sich eine so ideale Fläche wie die breit- wandige Holzplatte Damenarbeit,1989, von der sich einige blasse Farbspuren übernehmen ließen, die eine vollkommene Symbiose mit dem neu Aufgetragenen bilden, als Vorgefundenes und Gestaltetes und dann kaum auseinander zu halten, auch wenn man es weiß.

Brauchbar sind alle Arten von Sperrholz, Karton, Pappen, Pressplatten. Was als Grundierung draufkommt, ist ebenso rau, kein glattes gepflegtes Titanweiß, sondern Anmischungen von Quarzsand in Pigmenten oder Putzmörtel. Darin lässt sich gut kratzen und schaben. So entstehen Negativformen, reliefartige Wirkungen. Pastellkreiden würden von einer unbearbeiteten Holz- Platte weniger angenommen werden. Auch daher kam es zu den anderen Unergründen, aber Vor allem entsprechen sie besser der prozessartigen, materialbetonten Arbeitsweise von Harald Gnade.

Mit den Farben geht es bei Gnade in letzte Zeit ähnlich wie mit den anfangs beschriebenen Spannungsverhältnissen zwischen dem Vorausgedachten vom Kopf und dem Spontanen aus den Pinseln. Da gibt es dominierendes Mineral-Rot oder ebenso hervorstechendes Utramarin. Gnade notiert sich: Blau ist mir zu blau und Rot ist mir zu rot geworden. Das haben die aber Nicht wahrnehmen wollen! Gnade korrespondiert mit den Farben, als seien sie autonome Wesen. Er nimmt sich einen Wechsel vor, findet sich nach der Arbeit oder während dessen dennoch genau dem Farbton gegenüber, von der zu verabschieden er sich gerade vorgenommen hatte.

Und dann ist da noch das Bein, abgeknickt, superschmal wie von Giacometti. Ganz selten ein Bein, wie man es wieder erkennt. Auf anderen Bildern hat es sich in eine Art Ballon transformiert Oder verschwindet wie eine unter vielen anderen abstrakten Formen. Der Künstler kennt es, kann es identifizieren und zeigen. Wenn er im Angesicht seiner Bilder von Ihnen erzählt, gewinnt die Malerei durch die Erläuterungen, die sie natürlich nicht benötigen, sonst wären es mehr Illustrationen zu Worten und nicht eigen- ständige Kunst. Eigens aufgeschriebene Theorien dagegen lesen sich unsinnlich, waren es nur Vorbereitungen im Vorfeld? Noch vor zwei Jahren verbanden sich in Gnades Bildern Stadtlandschaften und Alltagsfiguren Mit religiösen und archaischen Inhalten. Jetzt ist er einen Schritt weiter, experimentierfreudig Im Ungewissen, das ist besser für einen Künstler, als selbstzufrieden sicher zu sein.

Ansammlungen nennt Gnade die Serie seiner jüngsten Arbeiten. Zuerst kam mir die Vokabel unbestimmt – austauschbar vor - denn natürlich sammelt sich auf seinen Bildern alles Mögliche an: Realitätspartikel, Abstrahierungen in mehreren Schritten, ganz freie Formen, in denen die Malerei sich selbst zum Thema macht. Aber schließlich merkt man: Er meint Produkte von Zivilisation, Materialien, Farben, Strukturen, Bildaufbauideen. Das sammelt sich an, nicht additiv Gewürfelt gewürfelt, sondern auseinander entwickelt und aufeinander bezogen.
Eine Ansammlung ist ja auch der Erfahrungsschatz, bei Gnade mitbestimmt durch experimentelle Filmarbeit bei den Filmemachern Peter Kubelka und Wolfgang Ramsbott oder durch rege Anteil- nahme an Aktionen von Hermann Nitsch und Ben Vautier. Gnades Bilder sind komplex und konsequent. Ich bin neugierig auf die nächsten.


Rainer Höynck, Berlin 1989